Medien
Im Dutzend teurer – Drei Euro für Empfang bisher freier Privatsender?
25.11.2005
Voraussichtlich drei Euro monatlich für den Empfang der Privatprogramme
der RTL-Gruppe (RTL, RTL II, Super RTL, Vox, n-tv etc.) und ProSiebenSat.1
(ProSieben, Sat.1, Kabel Eins, N 24, Neun Live) – dieses Szenario
könnte für deutsche Fernsehzuschauer bald Wirklichkeit werden, sollten die
Umwälzung der deutschen Fernsehlandschaft wie geplant vonstatten gehen.
Nach Informationen des Digitalmagazins INFOSAT, Europas Nr. 1 zum Thema
Digitalfernsehen, sollen die großen Privatsender verschlüsselt ausgestrahlt
und den Zuschauern zu einem monatlichen Preis von voraussichtlich drei Euro
angeboten werden. Dieser Preis soll nach Informationen aus Branchenkreisen
pro Set-Top-Box und nicht pro Haushalt gezahlt werden. Dies berichtet das
Digitalmagazin INFOSAT in seiner aktuellen Ausgabe Nr. 214 (Januar 2006),
die ab dem 16. Dezember im Handel erhältlich sein wird.
Zweite Fernseh-Gebühr
Experten vermuten, dass die „zweite Fernseh-Gebühr“ weiter
ansteigen wird – ob durch die Ausweitung des Angebotes oder im Zuge
allgemeiner Preisentwicklungen. Neben dem zusätzlichen Entgelt für die
bislang frei empfangbaren Programme wäre für viele Zuschauer eine weitere
Investition vonnöten: Nach INFOSAT-Informationen werden sich Ende 2005 rund
3,8 Millionen Set-Top-Boxen für den unverschlüsselten Satelliten-Empfang im
Markt befinden (INFOSAT Nr. 210, September 2005, S. 22). Diejenigen
Zuschauer, die weiterhin auf den Empfang von RTL, ProSieben und Co. nicht
verzichten wollen, sehen sich dann gezwungen, in ein neues Endgerät mit
Common Interface zu investieren. Nur so lassen sich diese und andere
verschlüsselten Programme tatsächlich empfangen. Ob dieser Umstieg
subventioniert wird, ist bislang völlig offen.
ASTRA, zu hundert Prozent Eigentümer von ASTRA Platform Services (APS,
vormals DPC) hatte bereits am 14. November 2005 in einer Pressemitteilung
auf die Vorteile von digitalen Receivern mit Common-Interface-Schnittstelle
hingewiesen: „Ausgerüstet mit einem entsprechenden Modul und einer
Smart Card können es diese Geräte den Konsumenten ermöglichen, auch in
Zukunft auf möglichst viele der neuen verfügbaren Inhalte und Dienste
zuzugreifen.“
Einheitsbox: Neues d-box-Desaster
Branchenvertreter sprechen unterdessen von einem neuen d-box-Desaster
und sehen wieder eine Einheitsbox auf den Markt zukommen. Das proprietäre
Boxensystem scheiterte grandios, erst der freie Boxenmarkt machte Pay-TV
erfolgreich (INFOSAT Nr. 213, Dezember 2005, S. 14). Das neue
Pay-TV-Angebot könnte über APS abgewickelt werden. Für die Ausstrahlung von
verschlüsselten Programmen auf dieser Plattform soll ausschließlich das von
PREMIERE ebenfalls verwandte Verschlüsselungssystem Nagravision eingesetzt
werden.
Kritik an Springer-P7S1-Fusion
Branchen-Experten erwarten die Bekanntgabe der Verschlüsselungspläne von
RTL, ProSieben und Co. kurz vor Jahreswechsel, nachdem kurz zuvor die
Bekanntgabe des Kartellamt-Bescheids über die angestrebte Fusion der Axel
Springer AG mit der ProSiebenSat.1 Media AG erfolgen soll. Das
Zusammenschlussvorhaben steht allerdings unter keinem guten Stern. Das
Kartellamt hat bereits in einer ersten Stellungnahme erhebliche Bedenken an
der geplanten Fusion geäußert. Die Wettbewerbshüter befürchten vor allem
eine Konzentration auf dem Werbemarkt. Gerade dem Springer-Blatt
„Bild“ fällt dabei eine zentrale Rolle zu, es wird der Wegfall
des Substitutionswettbewerbes befürchtet. Ein Blick auf die Werbeumsätze
zeigt: Alleine in 2004 erzielte die ProSiebenSat.1-Gruppe einen
Nettowerbeumsatz von 1,72 Milliarden Euro, was einem Anteil von 46 Prozent
an den Nettowerbeumsätzen aller TV-Sender entspricht (Quelle:
www.kek-online.de).
Interessant: „Bild“ als Anwalt der kleinen Leute hat sich
bislang nicht wahrnehmbar zu den Verschlüsselungsplänen der privaten
TV-Anstalten geäußert, obwohl zwischenzeitlich mehrfach Zeitungen
berichteten.
Im Fokus: Marktanteil
Bei der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich
(KEK) läuft ebenfalls ein Prüfverfahren der Springer-ProSiebenSat.1-Fusion.
Zentrales Kriterium für die Zulassung im Medienmarkt ist, ob durch den
Zusammenschluss eine vorherrschende Meinungsmacht entsteht. Prüfkriterium
ist hier der Marktanteil, wobei 25 bis 30 Prozent als kritische Größe
gesehen werden. Aber: „Auch unterhalb der 25 Prozent könnte es
kritisch werden, wenn die Unternehmen in anderen Medienbereichen eine
starke Stellung haben“, erläuterte KEK-Geschäftsstellenleiter Bernd
Malzanini gegenüber dem Branchendienst „digitalmagazin“ (www.digitalmagazin.info). Auch
hier spielt das Springer-Blatt „Bild“ eine wichtige Rolle.
Entgegen der europäischen Entwicklung
Die Umwandlung der deutschen
Privatsender von frei empfangbaren Sendern zu bezahlpflichtigen Angeboten
entspricht nicht der europäischen Entwicklung. Gerade in dem wichtigen
britischen TV-Markt wurde jüngst mit der Freischaltung der BBC-Angebote
sowie einiger ITV-Sender ein Markt für frei empfangbare Programme
geschaffen (Free Sat).