Kommunikation
VG Media – „Anscheinend wurden Tarife nicht sorgfältig genug erstellt“
25.03.2008
Das Vorgehen der VG
Media zur Einführung eines EPG-Tarifs beschäftigt nach wie vor die Branche.
Gegenüber Digitalmagazin berichtet Bodo Tasche von TV Browser erstaunliche
Details: Seiner Ansicht nach waren manche EPG-Betreiber über das Vorgehen
der VG Media nicht informiert. Auch seien die Tarife nicht sorgfältig
erstellt worden. Es entsteht der Eindruck, so Tasche, dass VG Media
versuchte die Tarife durchzudrücken, um nach dem Aufkommen von Protesten
langsam wieder zurück zu rudern.
Digitalmagazin: Herr Tasche, nicht nur Hersteller von
EPG-fähigen Digitalreceivern haben Ärger mit der VG Media bekommen. Auch TV
Browser, eine Web-basierte, kostenlose elektronische Programmzeitschrift hat
per Post eine Zahlungsaufforderung erhalten. Was genau wollte die VG Media
bzw. das Tarif-eintreibende Unternehmen von TV Browser?
Tasche: Als erstes haben wir die Information von Pro
Sieben bekommen, dass uns der Zugang zu den Pressedaten nur noch gestattet
werden könne, wenn wir eine Vereinbarung mit der VG Media getroffen haben.
Aus dem EPG-Tarif, der uns dann zugesendet worden ist, war jedoch nicht
klar heraus lesbar, welche Kosten auf uns zukommen würden. Die Tarife in
dem Dokument passen einfach nicht zu unserer Software. Anscheinend wurden
die Tarife nicht sorgfältig genug erstellt. Ende Dezember haben wir dann
die Information von PPS (Presse Programm Service Berlin, die Red.)
erhalten, dass wir einen Euro pro Nutzer zu zahlen haben. Wir haben
allerdings (bedingt durch unser Vertriebs-Modell) keine genauen Zahlen über
die Anzahl der Nutzer, unsere Schätzungen zum damaligen Zeitpunkt beliefen
sich auf circa 250.000 Nutzer, also 250.000 Euro pro Jahr. Eine
unbezahlbare Forderung für ein Open Source-Projekt, wie wir es sind.
Digitalmagazin: Wie haben Sie auf die Zahlungsaufforderung
reagiert?
Tasche: Ob wir die Summe bezahlen würden, stand außer
Frage. Wir waren als Team geschlossen nicht dazu bereit, für etwas, das wir
als Werbung für die Sender ansehen, Geld an diese zu bezahlen oder eine
kommerzielle Version der Software zu erstellen, um die Gebühren
aufzutreiben. Zumal wir auch noch ziemlich hohen Aufwand bei der
Verbreitung der Daten haben. Wir konvertieren die Daten (was teilweise
nicht einfach ist) in unser Format, verbreiten diese, bieten einen
Infrastruktur usw. Da könnte man eher umgekehrt von Sendern eine Gebühr für
die Aufnahme in unsere Software verlangen.
Die einzige Möglichkeit, die wir also hatten, war die
entsprechenden Sender aus dem Programm zu entfernen. Anfang Dezember haben
wir also eine Ankündigung diesbezüglich an unsere Nutzer, die
entsprechenden Sender und die Presse gesendet. Die Reaktionen der Nutzer,
der Presse und anderer EPG-Betreiber waren atemberaubend. Über 20.000
Unterschriften unserer Nutzer kamen in recht kurzer Zeit zusammen.
Erstaunt haben uns auch die Anrufe von EPG-Betreibern, die
anscheinend noch nicht informiert worden waren. Die kurze Frist von knapp 4
Wochen zum Beginn des Tarifs hat zusätzlich noch viele Firmen sehr
erschreckt.
Digitalmagazin: Welche Reaktion haben Sie von Sendern
erhalten, als diese erfuhren, TV Browser wolle die Kanäle aus den
Programmlisten entfernen?
Tasche: Aus den Reaktionen konnte man sehen, dass
einige Sender anscheinend vorher nicht informiert worden sind. Einige
Sender haben bei uns nachgefragt, was dieser Tarif genau bedeuten würde.
Einige Spartensender wie MTV oder Comedy Central haben uns ihr Bedauern
mitgeteilt.
Für diese Sender sind EPGs die einzige Möglichkeit, neutral
neben den „großen" Sendern auf einer Seite zu stehen. In den Zeitschriften
findet man diese nur in kleinen Spalten auf der vierten oder fünften Seite.
Bei uns kann jeder Nutzer die Sender selber zusammenstellen und somit ARD
direkt neben Comedy Central haben.
Digitalmagazin: Welche Daten dürfen Sie offiziell von den
Sendern, die sich in der VG Media zusammengetan haben, noch
abbilden?
Tasche: Die Daten, die wir anbieten dürfen sind Titel,
Uhrzeit und Fakten-Infos. Die Sendungs-Beschreibungen dürfen wir leider
nicht abbilden.
Digitalmagazin: Sie haben die Rechtslage prüfen lassen. Wie
stellt sich rechtlich die Situation hinsichtlich von Titel, Uhrzeit und
Faktendaten dar?
Tasche: Wir haben Frau Rechtsanwältin Heidi Kneller aus
Köln gebeten, ein Gutachten erstellen zu lassen. Dieses Gutachten zeigt klar
auf, dass nicht nur Titel und Uhrzeit selbst nicht schützenswert sind,
sondern auch deren Darstellung als Programmübersicht, da diese nicht den
Schutzbereich des § 4 UrhG berührt. Es wird nur ein „Inhaltsverzeichnis"
dargestellt und somit wäre die schöpferische Leistung der Sender, die man
in der Zusammenstellung einer Sendefolge sehen könnte, nicht
beeinträchtigt. Des Weiteren könnte man nach § 50 UrhG durchaus auch
Inhaltsangaben und Bilder nutzen, da diese eine Berichterstattung zu
Tagesfragen darstellt.
Digitalmagazin: Wie ist das Hin und Her zu erklären, dass
Titel, Uhrzeit und Faktendaten ursprünglich auch Tarif-relevant sein
sollten, gegenwärtig laut VG Media jedoch nicht?
Tasche: Die genauen Gründe kennen wir nicht. Man kann
jedoch vermuten, dass die VG-Media zuerst probiert hat, diesen Tarif
„durchzudrücken" und jetzt nach dem starken Gegenwind langsam zurückrudert
bis zu einem Punkt, der als Konsens für alle geeignet ist. Wir befürchten
jedoch, das die VG Media über kurz oder lang auch für Titel und Uhrzeit
wieder versuchen wird, eine Gebühr zu erheben.
Digitalmagazin: Haben Sie VG Media bzw. die Sender nach den
Gründen befragt, warum die Programmbeschreibungen Tarif-pflichtig sein
sollen? Wie waren die Reaktionen?
Tasche: Die VG Media hat hier nur auf den Auftrag der
Sender verwiesen. Die VG Media wäre nur der „Eintreiber", nicht der
Erfinder der Gebühr. Die Sender jedoch verwiesen alle nur auf die VG Media.
Die einzige Begründung, die wir erhalten haben, war eine Reaktion von Pro
Sieben. Dort wurde gesagt, dass für EPGs ein höherer Kostenfaktor als bei
Printmedien vorhanden ist, da man teilweise minutenaktuelle Daten
bereitstellen müsse. Dies kann allerdings zumindest angezweifelt werden, da
von Pro Sieben und den anderen Sendern diese Informationen erstens auch für
die eigene Webseite, Videotext und den eigenen EPG bereitgestellt werden
müssen und zweitens diese Daten normalerweise in der
Programmablauf-Planungssoftware immer aktuell vorliegt muss.
Digitalmagazin: Sie versuchen nun auf andere Weise, die
Daten zur Beschreibung der Filme in TV Browser zu erhalten. Wie gehen Sie
vor?
Tasche: Wir haben eine Kooperation mit „omdb.org“
gestartet. „Omdb.org“ bietet freie nutzbare Film- und Serienbeschreibungen,
die wir in unserem Programm anzeigen werden. Natürlich haben wir so keine
aktuellen Texte mehr zu den Magazinen wie z. B. „Abenteuer Leben", aber
normalerweise braucht man bei diesen Magazinen keine. Es kann in Zukunft
also jeder Nutzer an den Filmbeschreibungen mitarbeiten. Ein Wikipedia
speziell für Filme und Serien. Die echte Wikipedia konnten wir leider nicht
nutzen, da dort sogenannte Spoiler nicht speziell markiert sind. Das Ende
von Filmen wie „6th Sense“ in einem EPG zu verraten ist eher schlecht.
Digitalmagazin: TV Browser ist Freeware und verfolgt
keinerlei finanzielle Interessen. In den Listen enthaltene Sender können
von TV Browser eigentlich nur profitieren. Wie erklären Sie sich dann
dieses reichweitenschädliche Verhalten?
Tasche: Wir sind nicht nur Freeware, sondern Open
Source, das bedeutet, das jeder die Quelltexte der Software nutzen kann und
selber Verbesserungen an der Software vornehmen kann, wie es auch bei
Firefox oder Linux der Fall ist.
Den einzigen Hinweis für dieses Verhalten, den wir finden
konnten, war eine Stelle im Geschäftsbericht der VG Media von 2006: „Die
Mindereinnahmen bei den Regionalgesellschaften für das Jahr 2006 konnten
teilweise durch die Erschließung neuer Geschäftsfelder sowie den Ausbau
bestehender Geschäftsfelder [...] kompensiert werden"
Anscheinend wurde versucht, noch weitere Geschäftsfelder zu
finden. EPGs waren eines der nahe liegenden Felder, die man „beackern"
konnte. Leider wurde anscheinend nicht mit der heftigen Reaktion der
Betreiber wie uns gerechnet.
Wir sind nicht auf die Sender angewiesen, da wir kein Geld
einnehmen. Es ist ein Freizeit-Projekt, wir als Team schauen sowieso
tendenziell eher öffentlich-rechtliche Sender wie Arte, Phoenix und Co. Wir
haben natürlich eine hohe Zahl an Nutzern eingebüßt, aber ob 250.000 oder
100.000 Nutzer die Software verwenden, macht für uns keinen Unterschied.
Die Software und der Spaß am Entwickeln bleibt der gleiche.
Digitalmagazin: Vielen Dank für das Gespräch.
Dies ist eine Meldung aus unserem digitalen Nachrichtendienst
"Digitalmagazin".
Alle Informationen zu Abonnements und Preisen finden Sie unter www.digitalmagazin.info