Digital-TV
HDTV in Deutschland: „Kritische Masse an Zuschauern ist bereits erreicht“
05.08.2008
Die Olympischen Sommerspiele 2008
in Peking werden erstmals in ihrer Geschichte vollständig in hochauflösender
HD-Bildqualität produziert. Allerdings sind die Spiele in High Definition in
Deutschland nur über den Privatsender „Anixe HD“ in deutscher Sprache
unverschlüsselt zu empfangen, der sich die Rechte an einigen ausgewählten
Disziplinen gesichert hat. Zuschauer von ARD und ZDF müssen sich mit der
Übertragung in herkömmlicher Technik begnügen. Die britische
öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt BBC hingegen überträgt auf ihrem
hochauflösenden Kanal „BBC HD“ rund 300 Stunden der Olympischen
Sommerspiele in originärem HDTV. Auch der ORF in Österreich überträgt 250
Stunden Olympia live in HD. Digitalmagazin hat sich mit Michael Gundall,
Referent für Telekommunikation und Medien bei der Verbraucherzentrale
Rheinland-Pfalz, über die Schieflage in Deutschland sowie über
Verbesserungsmöglichkeiten und Verbrauchertipps unterhalten.
Digitalmagazin: Herr Gundall,
bei den Neu-Anschaffungen von Fernsehgeräten dominieren seit Jahren die
HD-ready-Modelle die Verkaufszahlen. Damit steigt die Anzahl HDTV-fähiger
Endgeräte rasant. Auf der Seite der Inhalte sieht die Welt anders aus:
Einerseits werden beispielsweise die Olympischen Spiele komplett in
HDTV-Qualität für das weltweite Publikum produziert, andererseits gibt es
die Spiele bei ARD und ZDF nur in „Normalqualität“. Wie beurteilen Sie
diese Schieflage?
Gundall: Die
Öffentlich-rechtlichen Fernsehsender arbeiten bereits seit Jahren an der
Umsetzung von HDTV. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher sind daher
bereits „HD-ready“, es wird langsam Zeit für den nächsten und letzten
Schritt - „HD-onAir“. Erst mit einem regulären Sendebetrieb von ARD und ZDF
sowie der großen Privatsender in HDTV wird nach Auffassung der
Verbraucherzentralen der Durchbruch zu schaffen sein. Auf der anderen
Seite darf man nicht vergessen, dass HD einen sehr großen finanziellen
Aufwand für die Sender bedeutet und dass es sehr schwierig ist, ein neues
Bildformat in den bestehenden Workflow einzubinden. Hierzu bedarf es nicht
nur technischer Investitionen, sondern auch Investitionen in die Aus- und
Weiterbildung der Mitarbeiter. Schließlich ist HDTV nicht nur ein größeres
Bild, sondern HDTV bietet auch ganz andere Möglichkeiten in der Gestaltung
(Kameraführung, Maske, Bildgestaltung, etc.). Diese Vorgänge brauchen ihre
Zeit.
Digitalmagazin: Angesichts der
noch anhaltenden Zurückhaltung der öffentlich-rechtlichen Sender in
Deutschland - welche Alternativen gibt es für die Zuschauer, um HDTV auch
hinsichtlich der olympischen Spiele nutzen zu können?
Gundall: Der Mannheimer
Fernsehsender Anixe HD wird ausgewählte Sportarten der olympischen
Sommerspiele ausstrahlen. Empfangsmöglichkeiten bestehen über den
Satelliten Astra 19,2°Ost, über IPTV, sowie über die Kabelnetzbetreiber
Kabel BW, Kabel Brandenburg und Kabel Deutschland. Eine Übertragung der
Spiele über Eurosport HD wird in Deutschland aller Voraussicht nach nicht
stattfinden, oder nur sehr kurzfristig.
Digitalmagagzin: Die meisten
HD-Angebote kommen über Satellit - wie ist die Situation beim
Kabelfernsehen, und wie bewerten Sie diese?
Gundall: Der
Kabelnetzbetreiber Kabel BW, sowie einige kleinere Kabelnetzbetreiber,
haben derzeit ein Angebot an frei empfangbaren HDTV-Programmen. Bei Kabel
Deutschland und Unitymedia beschränkt sich das HDTV-Engagement lediglich
auf das Pay-TV-Angebot von Premiere HD, dies generiert den
Kabelnetzbetreibern entsprechende Erlöse. Aber nicht nur die großen
Kabelnetzbetreiber halten sich derzeit zurück, sondern auch Konsumenten und
Hersteller aus folgenden Gründen:
Konsumentenseitig:
- Komplizierte
Grundverschlüsselung
- Kein
Programmangebot der Kabelnetzbetreiber
- IDTV-Geräte
werden nicht unterstützt
- Keine
einheitliche Schnittstelle für Entschlüsselungsmodule
- Kaum freie
Auswahl bei den Receivern
Herstellerseitig:
- DVB-C2 ist
noch kein Standard
- CI+ ist noch
kein Standard
- Diverse
Anforderungen durch die Kabelnetzbetreiber
Kurz gesagt: Für die Verbraucher ist das ganze zu umständlich. Daher
warten viele Kabelkunden derzeit ab, um später dann vom analogen
Kabelempfang direkt auf den HDTV-Kabelempfang umzusteigen. Analoges
Kabelfernsehen war „Plug and Play“. Digitales Kabelfernsehen, ob in HDTV
oder SDTV gleicht derzeit eher einer „großen Baustelle“.
Digitalmagazin: Die ARD hat
einen HD-Showcase zur IFA angekündigt. Genügt dies, um eine kritische Masse
an Zuschauern für das Thema HDTV zu erwärmen?
Gundall: Die kritische Masse
an Zuschauern ist unserer Einschätzung nach bereits erreicht. Die Zuschauer
müssen nicht mehr für das Thema HDTV erwärmt werden, dies sieht man auch an
den Verkaufszahlen bei den HD-ready Fernsehgeräten. Auch die entsprechenden
HDTV-Receiver sind im Markt, es liegt jetzt hauptsächlich an den
Fernsehsendern und Kabelnetzbetreibern, HDTV endlich komplett umzusetzen.
Ein HD-Showcase ist zwar prinzipiell immer eine gute Sache, jedoch wäre ein
HD-Vollprogramm (auch wenn dies einige Anteile an hochkonvertierten
SDTV-Material enthalten würde) die bessere Alternative.
Digitalmagazin: Haben Sie einen
Tipp für Zuschauer, die sich für HDTV interessieren und weitere
Informationen suchen?
Gundall: Die Zuschauer
sollten sich zunächst umfassend informieren, insbesondere über die für sie
richtige Übertragungstechnik. Anbieterneutrale Informationen bieten hier
einige Verbraucherzentralen an. Im Handel sollte man sich speziell bei den
Fernsehgeräten nicht nur das hoch aufgelöste, Offline-Demomaterial
anschauen, sondern sich einfach auch mal den Live-Betrieb in HDTV und SDTV
vorführen lassen, hier unterscheiden sich die Geräte wesentlich
voneinander. Im Zweifelsfalle kann es auch von Vorteil sein, den alten
Röhrenfernseher ein paar Monate länger zu betreiben, denn die
Endverbraucherpreise für HD-Geräte werden mit der Zeit sinken.
Digitalmagazin: Herr Gundall,
vielen Dank für das Gespräch.
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