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ORF interaktiv: „Letztlich soll beim Zuseher das Gefühl einer Teilnahme an einem Großevent entstehen“
Digitalmagazin im Gespräch mit Philipp Krebs, ORF 1 interaktiv-Projektentwickler
20.08.2008
Nach dem Start von HDTV bei der Fußball-EM 2008 setzt der ORF einen
weiteren Schritt in die Zukunft des Fernsehens. „ORF 1 interaktiv“ soll
Fernsehen bei den Olympischen Sommerspielen in Peking noch spannender und
interessanter machen. Pünktlich zum Beginn der Spiele ist mit dem neuen
Dienst ein Feldversuch für intelligentes Fernsehen in 500 österreichischen
Testhaushalten gestartet. Digitalmagazin hat sich mit Philipp Krebs, ORF 1
interaktiv-Projektentwickler, über die Innovation bei dem
öffentlich-rechtlichen Sender unterhalten.
Digitalmagazin: Herr Krebs, der
ORF ist Partner des europäischen Forschungsprojekts „LIVE“. Worum geht es
in diesem Projekt genau?
Krebs: Im Forschungsprojekt „LIVE“ versuchen wir, für den
Teilbereich „Live-Fernsehen“ zukunftsfähige Konzepte zu entwickeln.
Eigenschaften des neuen Konzeptes sind: Fernsehen auf „Augenhöhe“ mit dem
Zuseher zu produzieren. Das heißt, dass wir tendenziell mehr vom „hohen
Ross“ runtersteigen – ohne dabei Professionalität und Wissen aus 50 Jahre
Fernsehen und 100 Jahre Film zu „vergessen“. Wir bieten dem Zuseher die
Möglichkeit, aus vier Olympia-Zusatzprogrammen (Olympia 1 – 4) mit seiner
Fernsteuerung (über die Pfeiltasten) auszuwählen – um durch Live-Inhalte
durch zu navigieren. Im Unterschied zu anderen TV-Anbietern können wir aus
einem Echtzeit-Quotetool erkennen, welcher Kanal von welcher
Interessensgruppe (Sportarten) gerade gesehen wird. Stellt der Regisseur
Änderungen fest, reagiert er über seine Programmgestaltung (Auswahl der
Inhalte – noch mehr Sport, oder vielleicht mehr Side-Stories, wie Peking,
Politik, Hintergründe). Der Regisseur (wir nennen ihn „Video-Conductor“)
versucht, ein schlüssiges und spannendes inhaltliches Gesamt-Bouquet zu
gestalten – dabei ist ein Kanal (Olympia 1) als der „Home-Kanal“
ausgeführt. Zwei Moderatoren verweisen regelmäßig auf das Programm und
Inhalte der anderen laufenden Programm-Angebote. Weiters bietet der
Regisseur gemeinsam mit den Moderatoren auf Applikationsebene auf den
Set-Top-Boxen Zusatzinformationen und Abfragen an – das sind
„Message-Boxen“, Votings (über kommende vorgeschlagene
Programmschwerpunkte), Ratings und „Switches“ – man kann also auch dem
Zuseher das Umschalten auf ein bestimmtes Programm „anbieten“ (mit OK zu
bestätigen) und mit einer „Breaking News“-Funktion einen Kanal auf alle
fünf Kanäle (ORF1i + Olympia 1-4) durchschalten.
Zur Gestaltung des vielfältigen Programms hat der Regisseur im Falle von
Olympia 2008 zwölf „Multi-Leitungen“ (die einzelnen Bewerbe vorgemischt vom
Broadcast-Anbieter), das Moderatoren-Studio, eine große Zahl an
Archiv-Clips (ca. 150-200) und Live-Feeds von international renommierten
VJ’s (Video-Jockeys: 4yourEyes - Wien; addictiv TV – London; Filmlichter,
Köln) zur Auswahl. Letztlich soll beim Zuseher das Gefühl einer Teilnahme
an einem „Großevent“ entstehen – viele Perspektiven und Geschichten
gleichzeitig. Das Fernsehangebot wird den globalen Wünschen angepasst und
die Interessen abgefragt.
„Interaktivität“ im klassischen Sinne wird nicht zwingend verlangt. Im
Gegenteil: während ein „normales“ Olympia-Programm sehr oft die Inhalte
(Sportarten) wechseln muss, besteht bei „LIVE“ die Möglichkeit, vertiefende
Anhalte auf einem der „Subkanäle“ (Olympia 1-4) in größerer Länge zu senden
– der Regisseur weiß ja, ob es viel gesehen wird oder nicht.
Medienpolitisch strebt das Projekt eine deutlich engere Kundenbindung
an. Weiters soll durch die Auffächerung des Programmangebotes letztlich ein
unterscheidbareres Programm entstehen: während ein „normaler“ Sender mit
einem Programm die größtmögliche Zuseherzahl erreichen will und automatisch
ein größtmögliches Durchschnittprogramm erzeugt, ist es bei „LIVE“ möglich,
inhaltlich und thematisch zu differenzieren und in die Tiefe zu gehen –
also eine neue Qualität hineinzubringen. Das ist für Fernsehsender genauso
interessant wie für potenzielle Event-Anbieter und Lizenzgeber – wie z. B.
das IOC (Olympische Komitee). Auf Zuseherseite wird versucht, das
Fernseherlebnis zu intensivieren – am Tag nach einer Live-Übertragung soll
es dann für die Seher möglich sein, über ein und dasselbe Programm zu
sprechen und dabei unterschiedliches gesehen/erlebt zu haben.
Digitalmagazin: Pünktlich zu den
Olympischen Sommerspielen in Peking startete mit „ORF 1 interaktiv“ Ihr
Feldversuch für intelligentes Fernsehen. Wie ist der Testlauf aufgebaut,
welche Technik kommt zum Einsatz?
Krebs: Im Grunde nutzen wir die bestehende Produktionsumgebung:
Regieplatz mit Zuspielmöglichkeiten (vom K2-VideoServer), Leitungen aus
Peking, ein Moderatoren-Studio. Im Laufe der ersten
Forschungsprojekt-Arbeit haben wir alle Produktionsschritte genau
analysiert und herausgefunden, welche zusätzliche Hilfsmittel der Regisseur
und sein Team braucht, um gleichzeitig vier parallele Live-Programme zu
gestalten – reagierend auf das Echtzeit-Feedback – da ist mehr
professionelles „Improvisieren“ gefragt, also das Abhandeln eines
vorgefertigten Sendungsablaufes.
Zur Unterstützung dieser komplexen Abläufe am Regieplatz wurden von
unseren technischen Projektpartnern (Fraunhofer Forschungsgesellschaft
Birlinghofen; Universität Ljubljana – Laibach/Slowenien; Salzburg-Research;
Universität Bradford/UK; ATOS-Origin - Madrid;) folgende Tools
entwickelt:
- IMF (Intelligent Mediaframework) –intelligente, zentrale Datenbank
- Feedback-Tool (konfigurierbare Feedback-Anzeige)
- Recommender-Application
- Recommender Application (schlägt dem Regisseur aus dem Kontext – Event
und Programm – geeignete Video-Archiv Programminhalte vor).
- Human-Annotation Tool (HAT) – Touchscreen Tool zur Beschlagwortung von
eingehenden „Mulitstreams“ – als „Spione des Regisseurs“
- Automatische Bilderkennung zum Erkennen von „Schwarzbildern“ und
„Standbildern“ – die ja nicht auf Sendung gehen sollten.
Das Test-Setup: gemeinsam mit dem Sub-Projektpartner Telekom Austria hat
man mit der IPTV-Platform aonTV (www.aontv.at) die geeignete Entwicklungs-
und Testplattform gefunden. Am Test nehmen mehr als 500 Testhaushalte teil.
Wir testen mit den Haushalten unterschiedlichste Format-Konzepte, um
möglichst viele Ergebnisse generieren und sammeln zu können. Technisch
agieren die Haushalte mit den aonTV Standard Set-Top-Boxen.
Digitalmagazin: In einer
Mitteilung ist von prominenten Forschungspartnern die Rede…
Krebs: Partner sind die Fraunhofer Forschungsgesellschaft
Institut IAIS - Stichwort „Erfinder MP3“, die Kunsthochschule Köln -
Video/Interaktive Dramaturgien, Pixelpark, Salzburg-Research, die
Universität Ljubljana, ATOS-Origin in Madrid sowie die Bradford University
in Großbritannien und die Fachhochschule Köln. Genauere projektbezogene
Informationen finden Sie unter: www.ist-live.org.
Digitalmagazin: Welche Pläne
verfolgen Sie, wenn dieses neue Konzept erfolgreich ist?
Krebs: Ja – die Frage ist für alle interessant, aber im Detail
wirklich noch nicht beanwortbar. Es geht um die Frage der qualitativen
Details – und ganz banal um die Bilanz aus ev. Mehrkosten minus erzielbarer
Mehrwerten. Über Pläne kann von ORF-Seite tatsächlich erst nach einem
nachgewiesenem „Erfolg“ gesprochen werden – es geht also um die Frage des
Roll-Outs und der Vermarktung der Format-Idee. Vorerst möchte man den
größtmöglichen Experimentier- und Test-Spielraum zum Erkenntnisgewinn
nutzen. Tatsache ist, dass der ORF europaweit einen großen Vorsprung
gegenüber anderen Programmanbietern herausgearbeitet hat. Viele
öffentlich-rechtliche TV-Stationen verfolgen das Projekt mit größtem
Interesse und mit großer Anerkennung. Es hat sich auch inzwischen gezeigt,
dass Forschung und Entwicklung für einen Fernsehsender gewinnbringend sein
kann.
Digitalmagazin: Vielen Dank für
das Gespräch.
Internet: www.ist-live.org, www.orf.at
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