Kommunikation
Studie: IPTV und interaktive Dienste für Telcos „beste Waffe“ gegen Kundenschwund
Digitalmagazin im Gespräch mit Klaus von der Hoff, Globaler Leiter des Geschäftsbereiches TIME (Telekommunikation, Information, Medien & Elektronik) der Arthur D. Little GmbH
07.05.2009
In einer Studie hat die Beratungsgesellschaft Arthur D. Little in
Kooperation mit Exane BNP Paribas einhundert Entscheider in
Telekommunikations- und Medienunternehmen zu Möglichkeiten befragt, was dem
Kundenschwund der Telcos im Festnetzbereich entgegengesetzt werden kann.
Zusammen mit der Erfahrung der Unternehmensberatung aus einer Vielzahl von
Projekten im Bereich Telekommunikation und Medien, weist die Studie einen
eindeutigen Weg, um der Kundenabwanderung Einhalt zu gebieten. Klaus von
der Hoff, Globaler Leiter des Geschäftsbereiches TIME bei Arthur D. Little,
hat im Gespräch mit Digitalmagazin die Ergebnisse der Studie
zusammengefasst.
Digitalmagazin: Herr von der Hoff, in der Telekommunikationsbranche
müssen die etablierten Festnetzanbieter mit hohen Kundenrückgängen kämpfen.
Wie können die ehemaligen Monopolisten Ihrer Meinung nach am besten auf
dieses Problem reagieren?
von der Hoff: Die von Arthur D. Little und Exane BNP Paribas im
Februar gemeinsam publizierte Studie „Telecom Operators – Reviving the
fixed line“ fokussiert genau darauf, wie Festnetzanbieter den Rückgang
ihrer Kunden- und Umsatzzahlen aufhalten können. Die Studie beruht auf
Interviews mit hundert leitenden Managern von Telekommunikations- und
Medienunternehmen europaweit, ergänzt um unsere Expertise aus vielfältiger
Projekttätigkeit für Telekommunikations- und Medienanbieter, insbesondere
im Bereich Bündelprodukte und IPTV.
Die Studie zeigt klar auf, dass Bündelprodukte, insbesondere Triple
Play-Angebote die TV-Dienste über IPTV beinhalten, den Rückgang der Zahl
der Festnetzkunden bremsen. Im europäischen Vergleich waren dabei zwei
ehemalige Monopolisten am erfolgreichsten: Telekom Austria konnte seinen
Kundenrückgang von vormals rund 50.000 verlorenen Anschlüssen pro Quartal
fast auf Null absenken. Telia Sonera in Schweden konnte seinen
Kundenverlust von rund 200.000 Festnetzanschlüssen pro Quartal durch
Bündelprodukte aus Sprach-, Breitbandanschluss- und IPTV-Diensten
halbieren.
Ehemalige Monopolisten sollten also auf eine Vermarktung von
Bündelprodukten setzen, da diese sowohl den Umsatz pro Kunden als auch ihre
Loyalität steigern. Dies gilt insbesondere für Triple Play-Produkte, die
Festnetzzugangsdienste, Breitbandzugangsdienste, Sprachtelefonie-Flatrates
und eben auch TV-Dienste beinhalten. Diese werden in den meisten Ländern
über IPTV realisiert – es gibt aber auch Länder wie z. B. Rumänien, in
denen der ehemalige Monopolist sein IPTV-Angebot zusätzlich um ein
TV-Angebot, das über Satellit übertragen wird, ergänzt. Dies hat den
Vorteil, dass Telekommunikationsanbieter TV-Dienste unmittelbar landesweit
anbieten können.
Digitalmagazin: Welcher Zusatznutzen könnte als Ergebnis Ihrer
Untersuchung Telco-Kunden davon überzeugen, Fernsehen via IPTV zu
empfangen?
von der Hoff: Kunden müssen von der neuen Technologie IPTV
überzeugt werden und ihren bereits liebgewonnenen TV-Anbieter und etwaige
zugehörige Set-Top-Boxen auswechseln. Damit Kunden einen
IPTV-Dienste-Vertrag unterschreiben, müssen drei Kriterien erfüllt sein:
Das IPTV-Angebot muss attraktive Inhalte beinhalten. Diese müssen nicht
unbedingt immer die teuersten und aktuellsten Hollywood-Movies oder
exklusiv übertragene Fußballspiele sein. Ausgewogene Inhaltspakete, die die
Hauptinteressen der Kunden adressieren, können ausreichen – vor allem wenn
Kunden durch Zusatzpakete oder umfangreiche Video-on-Demand-Plattformen
weitere TV-Kanäle angeboten bekommen. Um Kunden von IPTV zu überzeugen,
müssen die Kaufbarrieren gesenkt werden – d. h. Kunden müssen hochwertige
Set-Top-Boxen, die z. B. zeitversetztes Fernsehen sowie Aufnahme auf
Festplattenspeichern ermöglichen, zu günstigen Preisen erhalten. Kunden
erwarten einen Preisnachlass auf Bündelprodukte, so dass
Triple-Play-Angebote deutlich günstiger als die Summe der Einzelpreise für
Festnetz- und Breitbandzugang sowie für TV-Dienste sein müssen.
Digitalmagazin: Was können die angestammten Festnetzanbieter darüber
hinaus noch unternehmen, um ihre Stellung wieder zu festigen?
von der Hoff: Festnetzanbieter müssen ihre Bündelprodukte
kontinuierlich ausweiten, um ihre Wettbewerbsposition gegenüber
Kabelnetzbetreibern und Mobilfunkanbietern zu verteidigen. Dazu können sie
die Leistungsparameter ihrer bestehenden Angebote ausweiten, z. B. durch
Ausdehnung von Sprachflatrates um internationale Destinationen oder durch
laufende Ausdehnung der Bandbreite oder ihre Triple Play-Bündel um
Mobilfunkleistungen zu Quadruple Play-Bündeln ausweiten. Auf der Netzebene
investieren Festnetzanbieter in einen weiteren Ausbau von ADSL2+- und
VDSL-Netzinfrastruktur, um ihre Dienste laufend ausweiten zu können.
Digitalmagazin: Wie kann es den Telcos am einfachsten und schnellsten
gelingen, konkrete IPTV-Angebote und interaktive Dienste zu
schaffen?
von der Hoff: Festnetzanbieter müssen vor allem sicherstellen,
dass sie ihre IPTV-Angebote wirtschaftlich darstellen können – entweder
direkt oder durch Einberechnung des erhaltenen Kundenwertes pro nicht
verlorenem Festnetzkunden. Sie müssen ihre Investitionen in exklusive
Premium-Inhalte (Kino, Fußball, etc.) daher vorsichtig dagegen abwägen, ob
sie die Kosten für die Inhalte mit einer vergleichsweise geringen
Kundenbasis amortisieren können. Festnetzanbieter sollten daher eine „Light
Premium”-Strategie verfolgen, die wertvolle Inhalte (Zielgruppencontent,
Kinofilme, Sportrechte außer evtl. exklusiven Top-Fußballrechten etc.) mit
interaktiven Services kombiniert.
Sobald ein attraktiver Business Case feststeht, können Telcos recht
zügig IPTV-Angebote in den Markt bringen. Auf der technischen Seite helfen
Systemlieferanten und spezialisierte Beratungsunternehmen gerne.
Schwieriger ist es, Kunden segmentspezifisch mit attraktiven Inhaltepaketen
ansprechen zu können – dazu gehören auch z. T. langwierige Verhandlungen mit
Inhalteanbietern.
Digitalmagazin: Welche Position und Rolle nimmt in diesem
Zusammenhang Deutschland im europäischen Vergleich ein?
von der Hoff: Die Deutsche Telekom kämpft ebenso wie andere
europäische ehemalige Monopolisten mit laufendem Rückgang ihrer
Festnetzanschlüsse – und befindet sich mit knapp sechs Prozent
durchschnittlichem Rückgang pro Jahr seit 2005 im Mittelfeld des Rückgangs,
den die Incumbents in anderen Ländern hinnehmen mussten.
Die Deutsche Telekom kämpft dabei gleich an drei Fronten: Kunden wandern
zu anderen Festnetzanbietern ab, oder schalten komplett auf Mobilfunkdienste
um oder – und dass kommt in Deutschland besonders zu tragen – wechseln zu
Kabelnetzbetreibern. Letztere haben ihre Netze aufgerüstet und können ihrer
TV-Kundenbasis von knapp 17 Millionen Haushalten in Deutschland zusätzlich
zu ihren TV-Diensten auch Sprach- und Breitbandzugangsdienste anbieten. Da
sie nur geringe Grenzkosten haben, können sie Triple Play-Angebote zu
attraktiven Preisen vermarkten. Ihre Triple Play-Angebote sind mittlerweile
so erfolgreich, dass sie z. B. im zweiten Halbjahr 2008 über 350.000
Breitbandkunden – das ist rund ein Viertel aller Breitbandneukunden in
Deutschland in diesem Zeitraum – auf sich vereinigen konnten.
Trotz des Wettbewerbsdrucks seitens der Kabelnetzbetreiber konnte die
Deutsche Telekom bis Ende 2008 rund 500.000 Triple Play-Kunden gewinnen.
Dies sind zwar erst ein Prozent aller 36 Millionen TV-Haushalte in
Deutschland – aber bereits 15 Prozent des Pay-TV-Marktes, der in
Deutschland mit nur rund 3,4 Millionen Pay-TV-Abonnenten relativ klein
ist.
Digitalmagazin: Herr von der Hoff, vielen Dank für das
Gespräch.
www.adlittle.com
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