Digital-TV
Ex-RTL-Chef Thoma: „Irgendwann werden sich die Sender wundern, wenn sich dann auch die Zuschauer das Zuschauen einsparen“
20.11.2009
Helmut Thoma, Ex-Chef von RTL, lässt kein gutes Haar an der aktuellen
TV-Landschaft. Er erwarte toll erzählte Geschichten, innovative Formate,
Mut und Durchhaltevermögen der Sender. „Da gibt es derzeit nichts, null!“,
kritisiert Thoma. „Es wird nur eingespart, wie man auch bei Bertelsmann
sieht“, kritisiert er im Digitalmagazin-Interview.
Digitalmagazin: Herr Thoma, „Im Seichten kann man nicht ertrinken“
ist eine Ihrer markanten Äußerungen aus den 90ern. Gilt das heute, wo sich
das Seichte vervielfacht hat, immer noch?
Thoma: Das ist ja nur eine generelle Aussage über die unsinnige
deutsche Sucht nach irgendeiner Tiefe, die ja eigentlich gar nicht zu
beschreiben ist. Was heißt das eigentlich, „Tiefe“, soll das „kompliziert“
heißen, oder „Philosophie“? Diese abwertende Diskussion über das Seichte im
Zusammenhang mit Unterhaltung ist ein absoluter Unsinn, der sehr, sehr
deutsch ist. Das sieht man auch daran, dass es die Begriffsbestimmung in
dieser Form in anderen Ländern überhaupt nicht gibt. Das Fernsehen muss
einfach sein, das ist ein Gebrauchsgegenstand, das ist keine hohe
künstlerische Darbietung und soll es auch nicht sein. Fernsehen soll große
Massen unterhalten, dafür muss man einen gemeinsamen Nenner finden.
Digitalmagazin: 2004 haben Sie gesagt, alle Neuerungen des deutschen
Fernsehen seien bei RTL gelaufen. Angenommen, das stimmt – hat RTL diese
Führungsrolle heute immer noch inne?
Thoma: Also früher war das so, das lässt sich alles
nachvollziehen, wann was eingeführt wurde. Im Wesentlichen ist das auch
heute noch so. Das einzige was heute neu ist, ist das Nachmittagsfernsehen,
wo RTL nicht die Führungsrolle hat. Das ist die einzige Zeit, wo Sat 1
deutliche vorn lag, wobei sich das auch dem Ende nähert, gerade wenn Sie
sich die Gerichtsshows ansehen. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.
Sat 1 wird sich was einfallen lassen müssen.
Digitalmagazin: Was glauben Sie, vermissen die deutschen
Fernsehzuschauer?
Thoma: Man kann die Zuschauer nur schwer direkt fragen, was sie
vermissen. Ich glaube auch nicht, dass sie das formulieren könnten. Man
kann schlecht fragen, was sie sehen wollen, man muss es ihnen zeigen. Dann
können sie entscheiden, ob sie es haben wollen oder nicht. Wenn man die
Leute fragt, was sie sehen wollen, dann antworten sie oft mit „Opern“ und
„Theaterübertragungen“ oder anderen Dingen, die sich kein Mensch anschaut.
Der Befragte sieht sich in solchen Situationen eher aufgefordert zu zeigen,
welchen hohen Hintergrund er hat.
Digitalmagazin: Und was vermissen Sie?
Thoma: Toll erzählte Geschichten, innovative Formate, Mut und
Durchhaltevermögen der Sender. Da gibt es derzeit nichts, null! Es wird nur
eingespart, wie man auch bei Bertelsmann sieht. Da kann ich nur sagen,
irgendwann werden sich die Sender wundern, wenn sich dann auch die
Zuschauer das Zuschauen einsparen.
Digitalmagazin: Herr Thoma, vielen Dank für das Gespräch.
www.helmut-thoma.de
Hinweis: Lesen Sie das komplette Interview in der Dezember-Ausgabe
von INFOSAT. Das Heft 12/2009 ist ab 27. November im Handel
erhältlich.
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