Radio-Info
„DRM+ besonders geeignet zur Versorgung im regionalen und lokalen Bereich“
Digitalmagazin im Gespräch mit Joachim Lehnert, Leiter der Technischen Abteilung der LMK
05.01.2010
2009 hat die FH Kaiserslautern gemeinsam mit der Landeszentrale für
Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz (LMK) einen zweiten technischen
Feldversuch mit dem digitalen Hörfunksystem DRM+ im UKW-Band durchgeführt.
DRM+ ist ein neues digitales Hörfunksystem auf Basis des DRM-Standards, mit
dem der UKW-Bereich digitalisiert werden könnte. „Aufgrund der geringeren
Übertragungskapazität gegenüber DAB/DAB+ ist DRM+ zwar nicht als
multimediale Plattform für viele Audioprogramme zu verstehen, hat aber die
besondere Fähigkeit zum Erhalt der Sender- und Programmidentität für die
Veranstalter und Zuhörer und ist besonders geeignet zur Versorgung im
regionalen und lokalen Bereich, was DAB+ so nicht leisten kann“, erklärt
Joachim Lehnert, Leiter der Technischen Abteilung der LMK, im Interview mit
Digitalmagazin. DRM+ könnte damit eine sehr gute Ergänzung zur bundes- oder
landesweiten DAB+-Versorgung sein.
Digitalmagazin: Herr Lehnert, die LMK und FH Kaiserslautern haben
2009 einen weiteren technischen Feldversuch mit DRM+ im UKW-Band
abgeschlossen. Der erste Feldversuch 2008 ermittelte die mögliche
Störwirkung von DRM+ auf die FM-Versorgung. Welche Zielsetzung hatten die
jüngsten Untersuchungen?
Lehnert: Die Laboruntersuchungen und der praktische Feldversuch
an der FH Kaiserslautern unter Leitung von Herrn Prof. Dr. Andreas Steil
hatten das Ziel, die inverse Störsituation wie in 2008 zu untersuchen.
Diesmal wurde die Wirkung eines FM-Störsenders auf die Versorgung eines
DRM+-Nutzsenders betrachtet. Damit wurde praxisnah ermittelt, wie sich ein
DRM+-Sender im überfüllten UKW-FM-Bereich behaupten kann und wie groß
dessen Versorgungsreichweite im Vergleich zum FM-Empfang ist.
Digitalmagazin: Wie war der Feldversuch aufgebaut?
Lehnert: Zur Vergleichbarkeit mit dem Versuch in 2008 wurde der
neue Feldversuch mit derselben bewährten Senderkonfiguration durchgeführt.
Der Sender „Kaiserberg“ auf dem Campus der FH Kaiserslautern wurde als
Hybridsender ausgestattet, über den sowohl ein DRM+- als auch ein
FM-Nutzsignal auf der Frequenz 87,6 MHz mit einer Senderleistung von bis zu
35 W abgestrahlt wurde. Als FM-Störsender fungierte der Sender
„Kaiserslautern/Rotenberg“, der mit einer Sendeleistung von bis zu 35 W
variabel im Frequenzbereich von 87,6 bis 87,9 MHz betrieben wurde. Damit
konnte ein Störszenario aufgebaut werden, das es ermöglichte, FM-Störungen
im Gleichkanal und in den Nachbarkanälen im DRM+-Versorgungsgebiet zu
messen.
Die Feldmessungen erfolgten zunächst stationär mit einem Messbus und 10
m Antennenhöhe an 16 Messpunkten. Danach wurde mobil auf der Autobahn A6
sowie in der Stadt und im Umfeld von Kaiserslautern auf einer Strecke von
ca. 50 km gemessen.
Durch den Aufbau des Versorgungssenders „Kaiserberg“ als Hybridsender
(FM und DRM+) konnten bei jeder Messkampagne die Störungen auf eine FM- und
auf eine DRM+-Versorgung vergleichend gemessen werden. Aufgrund dieser
Messmethode und der hohen Anzahl an Messdaten wurden verlässliche
Ergebnisse über die Robustheit des DRM+-Systems im FM-Umfeld ermittelt.
Digitalmagazin:Was sind die zentralen Ergebnisse Ihrer
Messungen?
Lehnert: Die Auswertung der Ergebnisse ergab, dass DRM+ gegenüber
dem analogen FM-Hörfunk bei gleicher Sendeleistung eine weit höhere
Versorgungsreichweite erzielt, eine deutlich höhere Störresistenz gegenüber
FM- und auch gegenüber DRM+-Störsendern aufweist und im Versorgungsgebiet
eine höhere Versorgungssicherheit für den mobilen und portablen Empfang
bietet als FM.
Digitalmagazin: Das European Telecommunications Standards Institute
(ETSI) hat DRM+ im September 2009 standardisiert. Was bedeutet dies für die
Einführung des Digitalradio-Systems?
Lehnert: Die Standardisierung von DRM+ als DRM-Mode „E“ bei ETSI
war ein erster, wichtiger Schritt, mit DRM+ ein geeignetes digitales
UKW-Hörfunksystem in den europäischen Markt einführen zu können.
Andererseits muss DRM+ noch in weiteren internationalen Normen und
Richtlinien berücksichtigt werden, damit digitale DRM+-Sender in Europa
koordiniert und in Betrieb genommen werden können. Hierzu warten die
verantwortlichen Gremien auf die Ergebnisse dieser weltweit einmaligen
technischen Untersuchungen der FH Kaiserslautern, die nun veröffentlicht
wurden.
Als Beispiel möchte ich die Arbeit im Electronic Communications
Committee (ECC) der europäischen Fernmeldeverwaltungen (CEPT) nennen. Eine
Arbeitsgruppe (FM45) erstellt zurzeit einen Bericht über die künftigen
Möglichkeiten zur Digitalisierung des UKW-Bands, in dem DRM+ eines von
weiteren digitalen Systemen aufgeführt ist. Für diesen Bericht und für die
anstehenden Normierungen bei der ITU sowie für die weiteren Arbeiten im
DRM-Konsortium haben die FH Kaiserslautern und die LMK als Zusammenfassung
aus beiden Feldversuchen einen Vorschlag für die Planungsparameter von DRM+
zur Frequenz-Koordinierung im UKW-Bereich vorgelegt.
Die normative Einführung von DRM+ – das bislang einzige digitale
UKW-Hörfunksystem, das hierfür bei ETSI standardisiert wurde – ist damit
auf einen guten Weg gebracht.
Digitalmagazin: DRM+ bietet die Möglichkeit, auf einer UKW-Frequenz
bis zu vier digitale Hörfunkprogramme zu empfangen. Welche Vorteile bietet
der neue Digitalradio-Standard noch?
Lehnert: DRM+ beinhaltet die modernsten digitalen Codierverfahren
und Übertragungsmethoden, auch die Gleichwellenfähigkeit, und steht in
dieser Beziehung den anderen bekannten digitalen Hörfunksystemen wie z. B.
DAB/DAB+ nicht nach. Aufgrund der geringeren Übertragungskapazität
gegenüber DAB/DAB+ ist DRM+ zwar nicht als multimediale Plattform für viele
Audioprogramme zu verstehen, hat aber die besondere Fähigkeit zum Erhalt der
Sender- und Programmidentität für die Veranstalter und Zuhörer und ist
besonders geeignet zur Versorgung im regionalen und lokalen Bereich, was
DAB+ so nicht leisten kann. DRM+ könnte damit eine sehr gute Ergänzung zur
bundes- oder landesweiten DAB+-Versorgung zur Überführung der heterogenen
regionalen Hörfunkstrukturen in die digitale Hörfunkwelt sein.
Digitalmagazin: Im Januar 2010 werden die LMK, die FH Kaiserslautern
und ihre Projektpartner einen weiteren Feldversuch starten, in dem u. a.
die Verträglichkeit zwischen dem bestehendem DAB-Rundfunk und DRM+ gemessen
wird. Verraten Sie uns ein paar Details?
Lehnert: Die Motivation, gemeinsam einen Feldversuch mit DRM+ im
VHF-Band III (174 bis 230 MHz) durchzuführen, liegt darin, dass in diesem
Frequenzbereich Frequenzen für eine schnelle Markteinführung von DRM+ frei
sind. Im Gegensatz dazu wird das UKW-Band mittelfristig keine ausreichenden
Frequenzkapazitäten für eine Marktdurchdringung für DRM+ bieten.
Auch zur Beschleunigung der Digitalisierung des Hörfunks könnte DRM+ im
Band III dann beitragen, sobald der Markt beginnt, DAB+ anzunehmen. Durch
die Ähnlichkeiten der Signalverarbeitung im DRM+- und im DAB+-System wird
es sehr leicht möglich sein, DAB+-Empfänger für den Empfang von
DRM+-Signalen im Band III, z. B. durch ein einfaches Software-Update, zu
erweitern.
Zuvor sind aber noch technische Untersuchungen erforderlich, um zu
ermitteln wie sich DAB- und DRM+-Sender im Band III miteinander vertragen
und ob DRM+ im Band III bis zu einer Frequenz von 230 MHz während der
Autobahnfahrt funktioniert.
Beide Ziele, Verträglichkeit und robuster mobiler Empfang von DRM+,
wurden an der FH Kaiserslautern bereits im Labor mit vielversprechenden
Ergebnissen untersucht. Darauf aufbauend sollen diese Ergebnisse in einem
Feldversuch, der ab Mitte Januar 2010 beginnen wird, verifiziert
werden.
Der Feldversuch wird das gleiche Senderkonzept wie die UKW-Versuche
beinhalten. Vom Sender „Kaiserslautern/Rotenberg“ wird ein DAB-Signal im
DAB-Block 10B mit einer Leistung von bis zu 100 W und vom Sender
„Kaiserberg“ wird ein DRM+-Signal mit einer Leistung von bis zu 100 W
variabel in den DAB-Blöcken 10A, 10B und 10C ausgestrahlt. Die Messroute
für die mobilen Messungen wird ebenfalls über die Autobahn A6 und im
Stadtgebiet und Umfeld Kaiserslautern eine Länge von ca. 50 km aufweisen.
Die Veröffentlichung der Ergebnisse des Versuchs wird für Frühjahr 2010
angestrebt.
Digitalmagazin: Herr Lehnert, vielen Dank für das Gespräch.
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