Radio-Info
Digitalradio-Neustart: „Nationales und internationales Interesse am bundesweiten digitalen Hörfunk ist da“
Digitalmagazin im Gespräch mit Michael Richter, Vorstandsvorsitzender der Initiative Marketing Digital Radio (IMDR)
11.03.2010
Mit der Ausschreibung eines bundesweiten Band III-Multiplex wird in
Deutschland gerade der Versuch unternommen, dem Digitalradio zu einem
Neustart zu verhelfen. Am 12. März endet die Bewerbungsfrist und es
zeichnet sich ab, dass es nationales und internationales Interesse am
bundesweiten digitalen Hörfunk gibt, skizziert Michael Richter,
Vorstandsvorsitzender der Initiative Marketing Digital Radio (IMDR), die
Situation. Allen Beteiligten scheint klar zu sein: Diese Chance muss nun
wahrgenommen werden. Denn andernfalls könnte der Rundfunk Gefahr laufen,
„das Band III an andere Nutzer zu verlieren und zukünftig Huckepack auf
einem anderen Übertragungsweg irgendwie dabei zu sein“, warnt Richter im
Digitalmagazin-Interview.
Digitalmagazin: Herr Richter, mit Spannung wird der 12. März
erwartet – dann endet die Bewerbungsfrist für den neuen bundesweiten
Digitalradio-Multiplex. SLM-Chef Martin Deitenbeck hat dies als letzte
Chance für das digitale Radio bezeichnet. Sehen Sie das genauso?
Richter: Ja, ich sehe das genauso. Dem Hörfunk steht ein eigenes
digitales Hörfunksystem im Band III zur Verfügung, aber in Deutschland
nimmt man diese Chance bisher nicht wahr. Die Konsequenz aus einem solchen
Desinteresse wäre aber, das Band III an andere Nutzer zu verlieren und
zukünftig Huckepack auf einem anderen Übertragungsweg irgendwie dabei zu
sein.
Digitalmagazin: Sie gehen von einem großen Interesse der
privaten Programmveranstalter aus. Was heißt dies – kurz vor „Toresschluss“
– konkret in Zahlen?
Richter: Konkrete Zahlen gibt es erst nach Ablauf der
Bewerbungsfrist am 12. März ab 12 Uhr. Aber es ist kein Geheimnis, dass das
nationale und internationale Interesse am bundesweiten digitalen Hörfunk da
ist. Mit dem von Media Broadcast geschnürten Paket ist es erstmals möglich,
mit einem kalkulierbaren Aufwand ins Rennen zu gehen und seinen Antrag bei
den Landesmedienanstalten einzureichen.
Digitalmagazin: Langfristig könnten die Sender enorme
Verbreitungskosten sparen, werben Sie für das Digitalradio. Woran machen
Sie das fest?
Richter: Jahrelange Erfahrungen im Sendernetzbetrieb mit vorerst
1 kW (Kilowatt) haben gezeigt, was das Rundfunksystem Digitalradio im
Gleichwellen-Netzbetrieb leisten kann und was nicht. Heute können wir mit
10 kW, wesentlich weniger Standorten, einer guten „Inhouse“-Versorgung und
noch effektiverer Codierung mittels DAB+ all das leisten, was zu einem
digitalen Hörfunksystem dazugehört. Somit ist der Preis pro Jahr und
Programm deutlich – etwa ein Drittel bis ein Viertel – günstiger als bei
UKW. In der Simulcast-Phase wirkt dieser Vorteil natürlich noch nicht, aber
wenn genügend Geräte auf den Markt kommen, greift er in einem überschaubaren
Zeitraum.
Digitalmagazin: Damit Digitalradio interessant für
Programmanbieter wird, ist technische Reichweite notwendig. Wie schätzen
Sie die DAB+-Endgerätesituation aktuell ein?
Richter: Die Frage ist schnell zu beantworten. Die
Endgerätedurchdringung in Deutschland ist bei DAB geschätzt kleiner ein
Prozent und für DAB+ gibt es erst seit 2008 erste Geräte, also ist der
Anteil im Moment noch fast null. Wenn wir aber in die Schweiz schauen, so
wurden dort allein in den letzten drei Jahren 450.000 DAB/DAB+-Geräte
verkauft und im Weihnachtsgeschäft in England eine halbe Million. Das zeigt
doch: Der Kunde kauft, wenn er Mehrwert und Zukunftssicherheit erkennt.
Digitalmagazin: Hörer mit „DAB alt“-Radios können die neuen
Sender im DAB+-Standard allerdings nicht empfangen, was durchaus zu
Verärgerung bei einigen Digitalradio-Pionieren führen kann. Wie lässt sich
dieses Problem lösen?
Richter: Wie in anderen europäischen Ländern brauchen wir auch in
Deutschland die klare Ansage, dass ab 2013 nur noch Mehrnormengeräte
verkauft werden dürfen. Damit wäre für den Verbraucher klar, wo die
Digitalradio-Reise hin geht. Bis dahin sollten bisherige Programme im
DAB-Standard erhalten bleiben und alle „neuen Programme“ je nach
erforderlicher Audioqualität in DAB oder DAB+ versendet werden. Eine
weitere Möglichkeit sehe ich darin, wie in England über eine
„Abwrackprämie“ den Umtausch von UKW- und DAB- in Mehrnormengeräte zu
organisieren.
Digitalmagazin: 2011 könnte das bundesweite Digitalradio-Netz
an den Start gehen. Wie sieht die konkrete Roadmap aus?
Richter: Die Roadmap wird einerseits durch die
Netzbetreiber-Lizenz und deren Inhaber Media Broadcast bestimmt und
andererseits von den Programmveranstaltern, die im Zuge des
Ausschreibungsverfahrens eine Sende-Lizenz erhalten. Bisher ist geplant,
ähnlich wie bei DVB-T, in mehreren Schritten und ab Frühjahr 2011 zu
starten.
Digitalmagazin: Ein Blick auf das analoge Radio: Die Hörer
halten beharrlich an UKW fest, Schätzungen gehen von 300 Millionen Geräten
im deutschen Markt aus. Inwiefern ist angesichts dieser Tatsache ein
genereller UKW-Ausstieg überhaupt realistisch?
Richter: Die Mehrheit der Hörer kennt im Moment die Alternative
digitales Antennenradio noch gar nicht, außer vielleicht in Bayern und in
Mitteldeutschland. Als Termin für die Einstellung der UKW-Versorgung wurde
sowohl im TKG (Telekommunikationsgesetz) als auch in einigen
Landesmediengesetzen erst 2010, später dann 2015 benannt. Diese Termine
waren als Planziele gedacht und erschienen realistisch. Immer hatte man
aber den Hörermarkt im Auge und so wird es natürlich auch bleiben müssen.
Wird der Markt ab 2013 konsequent mit Mehrnormengeräten versorgt, sollte
ein harter Umstieg – ähnlich wie es bei DVB-T geschehen ist – schnell
möglich sein. Private Hörfunkveranstalter verdienen ihr Geld heute im UKW
und können erst dann aus diesem System aussteigen, wenn der „digitale
Hörermarkt“ da ist. Ein neuer Abschalttermin muss deshalb gemeinsam mit den
Marktpartnern gefunden werden.
Digitalmagazin: Eine Prognose als Ausblick: In welcher Art und
Weise wird das Medium Radio in zehn Jahren terrestrisch verbreitet?
Richter: Ich bin mir sicher, dass es als „digitales
Antennenradio“ im Standard der DAB-Systemfamilie und mit Mehrnormengeräten
empfangen wird. Ergänzt wird das Angebot dann mit
Internetradio-Applikationen. Übrigens sind sogenannte Apps perspektivisch
ein großer Zukunftstrend – auch für das Medium Radio über die Antenne.
Digitalmagazin: Herr Richter, vielen Dank für das Gespräch.
www.digitalerrundfunk.de
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