DAUN, 09.12.2014 - 15:25 Uhr
Digitale Welt - Tablets

Googles Nexus 6 – Ein Phablet mit Gesprächsbedarf

(dpa/tmn) – Der erste bewusste Eindruck vom Nexus 6 ist ein plötzliches „Ping“. Ganz unerwartet erwacht das sechs Zoll große Phablet zum Leben, eine Nachricht auf dem QHD-Bildschirm lädt zum Einsprechen einer Suchanfrage ein. Dabei hatte die Kollegin doch nur „Okay, ich google das mal“ gesagt. Die Erkenntnis braucht eine Weile – Googles von Motorola gefertigte Nexus 6 ist immer bereit, lauscht in den Raum, will immer informieren und dabei mit Stimme und Fingern bedient werden. Nur einmal „Okay Google“ sagen, schon gehorcht es aufs Wort. Schöne neue Android-Welt für knapp 600 Euro aufwärts.

Mit dem Nexus 6 bringt Google sein erstes eigenes Android-Phablet, eine Geräteklasse irgendwo zwischen viel zu großem Smartphone und recht kleinem Tablet. Die Leistungsdaten beeindrucken: 2,7-Gigahertz-Vierkernprozessor mit Grafikprozessor, drei Gigabyte (GB) Arbeitsspeicher, alle gängigen Mobilfunkstandards, ein QHD-Bildschirm (2560 zu 1440 Bildpunkte), bis zu 64 GB Speicher und ein riesiger Akku mit Schnellladefunktion und Unterstützung für kabelloses Aufladen. Auch die Kamera ist auf neuestem Stand. 13 Megapixel mit Bildstabilisierung, doppelter LED-Ringblitz, ein recht lichtstarkes Objektiv mit f 2.0 und ein Aufnahmemodus für 4K UHD-Video mit 30 Bildern pro Sekunde.

Rein optisch ist das Nexus 6 eine aufgeblasene Version des Moto X von Motorola, hat einen Metallrahmen und einen gerundeten Rücken aus Kunststoff. Mit 184 Gramm Gewicht liegt es spürbar in der Hand. Die Verarbeitung ist gut, die Materialanmutung auch – abgesehen vom Kunststoffrücken, der extrem anfällig für Fingerabdrücke und Schmutz aller Art ist. An der dicksten Stelle misst das Nexus 6 einen Zentimeter, zu den Rändern hin wird es dünner. Sobald man es auf den Tisch legt, schaukelt es bei jedem Fingerdruck. Bei einer Größe von mehr als sechs Zoll in der Diagonalen haben selbst Menschen mit großen Händen Probleme, es mit einer Hand zu bedienen. Auch für die Hosentasche ist es nur bedingt geeignet - Träger von Skinny Jeans haben keine Chance, die meisten Damenhosentaschen sind ebenfalls zu klein. Wofür braucht man also einen solchen schwer tragbaren Riesen?

Die Antwort erschließt sich, wenn man das Nexus 6 im Alltag nutzt. Alles fließt, ist eine gute Beschreibung des Nutzungserlebnisses. Keine Ruckler, keine Wartezeiten, sogar die 3D-Darstellung von Google Earth läuft so fließend, wie man es selbst am PC kaum gewohnt ist. Videos machen auf dem extrem hochauflösenden Bildschirm eine gute Figur, auch anspruchsvolle 3D-Spiele aus dem Play Store. Dokumente lassen sich in annehmbarer Größe auf dem Bildschirm darstellen, auch E-Books können ohne Lupe gelesen werden. Wer Googles zahlreiche Dienste ausgiebig nutzt, findet im Nexus 6 ein gutes Werkzeug, das alle Produkte aus Mountain View gut integriert. Da bei Google viel im Netz passiert, sollte der Mobilfunkvertrag aber zur Sicherheit LTE-Geschwindigkeit enthalten.

Und das Nexus hat eines: Ausdauer. Die 3220 Milliamperestunden fassende Batterie reicht laut Google für mindestens 24 Stunden, 15 Minuten Aufladen sollen immerhin sechs weitere Stunden Nutzung ermöglichen. Im Alltag schaffte das Testgerät diese Werte mit Leichtigkeit, der Ausdauerrekord lag bei knapp drei Tagen. Ganz nebenbei: Telefonieren kann das Riesentelefon auch.

Viel Licht also, aber es gibt auch Schatten. Die auf dem Papier beeindruckende Kamera liefert tatsächlich gute Bilder. Die Ringblitze sorgen im Nahbereich für anständige Ausleuchtung, die Einstellungsmöglichkeiten der Kamera-App sind vielfältig, auch der Modus für HDR+ überzeugt. An die in Klassenkonkurrenten verbauten Kameras von Samsung Note 4 oder iPhone 6 Plus oder Lumia 1520 kommt sie aber aus mindestens zwei Gründen nicht heran. Erstens sind die Ergebnisse bei wenig Licht ziemlich enttäuschend, zweitens beträgt die Auslöseverzögerung beim Knipsen eine gefühlte Ewigkeit.

Auch das neueste Android 5.0 hinterlässt einen gemischten Eindruck. Einerseits ist es wunderbar aufgeräumt, kommt ohne die bei anderen Herstellern übliche Bloatware und liefert eine Vielzahl von Einstellungen für die Personalisierung und zum Energiesparen. Auch die überarbeitete Nachrichten-App und die ab Werk aktivierte Speicherverschlüsselung gefallen. Auf der anderen Seite weiß man manchmal schlicht nicht, was Text und was Schaltfläche ist und fühlt sich wie beim ersten Blick auf ein chinesisches Straßenschild. Die intuitive Bedienung eines Windows Phone oder iOS liefert das Lollipop getaufte Android nicht. Und dann ist da noch die Sache mit der Privatsphäre.

Das Nexus 6 ist always on. Beim Einrichten wird gefragt, ob man Zugriff auf den Standort und Nutzungsdaten geben will, alle anderen Privatsphärefunktionen muss man sich mehr oder weniger selbst erschließen. Auch die ständig mithörende Spracheingabe, die auf ihr „Okay Google“ wartet, ist als Standard aktiviert. Wer die Kontrolle über zurückgesendete Informationen, lauschende Mikrofone oder sonstige Dinge will, muss sich alles mühsam im Menü zusammensuchen und – wenn gewünscht – deaktivieren. Einen Abfragedialog, ob man denn all diese Funktionen aus der schönen neuen Welt haben möchte, gibt es nicht. Stattdessen ist der Standard immer noch opting-out statt opting-in, wenn es um Nutzungsinformationen geht.

Fazit: Mit dem Nexus 6 erhält man ein solides Telefon, das maximale Googleintegration bietet. Es hat starke Hardware und abgesehen vom gemischten Bedienerlebnis des Betriebssystems auch ein gutes und durchdachtes Softwarepaket. Dazu gibt es Zugriff auf die zahllosen Apps im Play Store. Mehr Google und Android geht kaum. Für eifrige Nutzer der Googledienste mit Bedarf nach einem großen Bildschirm ist das Nexus 6 eine Überlegung wert. Wer davon abgeschreckt ist, aber trotzdem ein übergroßes Smartphone oder kleines Tablet möchte, findet in der 5,5-6-Zoll-Klasse einige Alternativen, sowohl mit Windows Phone als auch mit iOS. Das Nexus 6 ist bereits im Play Store erhältlich, ab dem 9. Dezember beginnt der Verkauf im Elektronikhandel. Der Preis beträgt rund 600 Euro für 32 GB Speicher, 64 GB gibt es für rund 650 Euro.


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