DAUN, 28.06.2017 - 10:59 Uhr
Digitale Welt

Von App bis Streaming - Auch die „Programmies“ wandeln sich

(dpa) - Die Welt der „Programmies“ ist so bunt wie das TV-Angebot. Neben wöchentlichen Programmzeitschriften im Verkaufsregal sind 14-tägliche und monatliche Titel zu finden, schlanke Hefte neben dicken XXL-Ausgaben. Zu etablierten Titeln wie „Hörzu“, „TV Movie“, „TV Spielfilm“ und „TV Digital“ hat sich jüngst ein Newcomer gesellt: Der Hamburger Spiegel-Verlag wagte sich mit zwei Ausgaben von „Der Spiegel Fernsehen - Das Beste aus TV & Streaming“ in Hessen auf den umkämpften Markt.

„Die zwei Testausgaben werden uns eine valide Basis geben, um zu entscheiden, wie wir mit diesem spannenden Projekt weitermachen“, sagte Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass dem Fachmagazin „Horizont“ (Ausgabe 20/2017). Die Konkurrenz hat den Vorstoß aufmerksam beobachtet, sieht sich aber selbst bestens im Markt aufgestellt, wie Einschätzungen aus den Verlagshäusern zeigen:

BAUER: „Die Auflage im Gesamtmarkt ist rückläufig. Aber es gibt keine Zeitschriftengattung in Deutschland, die so stark im Alltag der Deutschen verankert ist wie Programmzeitschriften“, berichtet der Verlagsgeschäftsführer Programmzeitschriften der Bauer Media Group, Sven Dams. Um den „spannenden und lukrativen Markt“ konkurrieren nach seinen Angaben mehr als 30 Kaufzeitschriften. Bauer ist mit neun Marken dabei - von „auf einen Blick“ über „TV 14“ mit einer 14-täglich verkauften Auflage von 2,23 Millionen Exemplaren (IVW, 1/2017) bis zu „TV Movie“ (975 960 Exemplare), für Dams der „Innovationstreiber im Segment“. Längst erhält der Leser hier auch Infos und Empfehlungen zu Video-on-Demand-Angeboten oder zur Verfügbarkeit in Mediatheken. Programme und Tipps sind auch über Websites und Apps verfügbar.

„Das Gute für uns: Je mehr Bewegtbild-Angebot es gibt, desto unübersichtlicher wird es, desto mehr sehnt sich der Konsument nach Einordnung - und dann ist es die journalistische Aufgabe der Programmies, für den jeweiligen Leser das Relevante herauszufiltern und zu empfehlen“, sagt Dams. Der Manager ist überzeugt, dass der Markt weitere neue Zeitschriftkonzepte sehen wird. „Die Frage ist: Wann ist eine Medien-Entwicklung so stark, dass sie wirtschaftlich signifikant verwertbar ist?“

BURDA: Neben „TV Spielfilm“ (verkaufte Auflage: 802 549, 1/2017), „TV Today“ (231 092) und „TV Schlau“ (120 496) und ihren Internetauftritten haben die Programmmacher ein weiteres digitales Standbein geschaffen: Bei „TV Spielfilm live“ sind mehr als 2,0 Millionen Nutzer registriert, Abo-Zahlen gibt es noch nicht. Über eine strategische Partnerschaft mit Telefónica Deutschland haben seit Juni O2-Kunden via App Zugriff auf das TV-Angebot, das 50 Sender kostenlos und im Premium-Angebot (9,99 Euro monatlich) 70 Sender umfasst. „Wir müssen dem rückläufigen Print-Markt begegnen, und das machen wir über unsere Marken-Entwicklung“, erläutert Chefredakteur Lutz Carstens. Gleichzeitig gilt: „Mit Print verdienen wir nach wie vor sehr gutes Geld, auch wenn die Renditen zurückgegangen sind.“

Im großen „Haifischbecken der Programmies“ habe dieses Burda-Segment seit Juli 2015 einen digitalen Unterbau, ergänzte Andreas Mauch, Manager Screens bei BurdaNews. „Wir begrenzen uns schon lange nicht mehr auf lineares Fernsehen.“ Will heißen, auf die klassische, zeitlich an das TV-Programm gebundene Fernsehnutzung. Wer über den Burda-Streamingdienst TV-guckt, kann über eine Restart-Funktion die noch laufende Sendung auf Anfang setzen, anhand personalisierter Filmtipps auswählen und direkt auf Mediatheken zugreifen. Mit einem Marktanteil von knapp 70 Prozent sehen sich die Macher in der digitalen Welt bereits als „Platzhirsch“.

FUNKE: Ein weiterer Anbieter mit auflagenstarken Zeitschriften wie „TV Digital“ (1,59 Mio), „Hörzu“ und „TV Direkt“ im Angebot betrachtet die Marktentwicklung trotz eines jährlichen Auflagenrückgangs von etwa 3,0 bis 4,0 Prozent zuversichtlich: „Wir werden noch mindestens 20 Jahre Spaß an dem Segment haben. Er hat die stärksten Renditen im Zeitschriftenmarkt“, sagt der Verlagsgeschäftsführer Zeitschriften der Funke-Mediengruppe, Jochen Beckmann. Das Minus in der Auflage konnte nach seinen Angaben bisher durch eine Erhöhung des Einzelverkaufspreises aufgefangen werden, so dass die Vertriebserlöse stabil geblieben seien.

Um die Jüngeren in die Fernsehwelt mitzunehmen, hat auch dieses Medienhaus Web-Auftritte und Apps für seine Titel aufgesetzt. „Wir sehen das Online-Angebot als Ergänzung“, sagte Beckmann. Das TV-Angebot fragmentiere sich zunehmend, online könnten mehr Programme aufgenommen als im Print abgedruckt werden. Bei „TV Digital“ mit einer Lesergruppe im durchschnittlichen Alter von 35 bis 40 Jahren seien Infos über Streaming-Angebote von Netflix, Amazon Prime & Co bereits eingebunden, ergänzte Beckmann. Sollten solche Angebote künftig noch stärker abonniert werden, ist es auch für ihn nur eine Frage der Zeit, wann hierzu Extra-Hefte erscheinen könnten.

EXPERTE: Das sieht der Kommunikationsexperte Prof. Andreas Vogel vom Wissenschaftlichen Institut für Presseforschung in Köln ähnlich. „Die spannende Frage ist, wie schnell sich die Linearität beim Fernsehkonsum aufhebt“, sagte er. Eine Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft hatte jüngst ergeben, dass die Nutzung des traditionellen linearen Fernsehens zugunsten anderer Formate leicht zurückgegangen ist. Und selbst dann bleibe das Angebot unübersichtlich, ergänzte Vogel. Von daher seien gedruckte Programmzeitschriften unschlagbar, wenn der Leser einen schnellen umfassenden Überblick bekommen solle.

SPIEGEL: Auf Zuschauer im Alter von 30 bis 50 Jahren, „die nach Qualität suchen und ihr individuelles Programm sowohl linear als auch digital zusammenstellen“, zielte auch das getestete Spiegel-Printprodukt ab. „Wir wollen das Fernsehen auf einem hohen journalistischen Niveau begleiten“, erläuterte Redaktionsleiter Christian Buss - vom öffentlich-rechtlichen bis zum internationalen Streaminganbieter. Es gehe darum, „die blühende internationale Senderlandschaft ohne Zapping-Tourette erlebbar zu machen“.

Filme und Serien, Dokumentationen, Streaming und Abschalten hießen die Rubriken der Testausgaben, neben ausführlichen Besprechungen gefüllt mit Interviews, Porträts und Reportagen. Noch darf man gespannt sein, ob die Spiegel-Programmies eine Episode bleiben oder 14-täglich in Serie gehen.


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