DAUN, 11.10.2021 - 14:43 Uhr
Entertainment - Veranstaltungen

37. MIPCOM - Fernsehmessen in der Krise

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Conrad Heberling

Heute öffnet in Cannes/Südfrankreich die 37. MIPCOM, der „weltweit größte Markt für Unterhaltungsinhalte“ seine Pforten. Aus dieser ursprünglich reinen Fernsehmesse ist eine TV- und audiovisuelle Messe als „Hybridevent“, d.h. sowohl in Präsenz, als auch Online, geworden. Parallel dazu findet die MIP Junior statt, eine Programmmesse, die sich ausschließlich Programminhalten für junge Zielgruppen widmet und erstmalig in diesem Jahr gemeinsam mit der MIPCOM unter das Dach des Palais des Festivals in Cannes geschlüpft ist.

Die MIPCOM stellt sich selbst als „die Zusammenführung des Weltmarktes für TV Content auf allen Plattformen“ dar und fand bis zu Beginn der Covid19-Pandemie gleich zwei Mal im Jahr, im April als MIP TV und im Oktober als MIPCOM, statt. Dazu pilgerten viele tausend Vertreter der weltweiten TV- und Digital Content-Branche nach Cannes. Das diesjährige Messe-Event vom 11. – 14.10.2021 im Palais des Festivals an der Croisette von Cannes soll Gelegenheiten  zum Networking, Konferenzen und Vorträgen, Screenings aber auch zur Präsentation von Programmideen und Programangeboten, wie den Austausch unter Kreativen sowie dem Lizenzhandel mit Film- und TV-Programmen bieten.

Die Fernsehmessen in Cannes waren in der Vergangenheit immer Premieren-Schauplatz von spektakulären TV-Produktionen und Serien. Hier fanden und finden TV-Sender und  freie Produzenten ihre Finanzierungspartner, ohne die die Realisierung  vieler außergewöhnlicher TV-Highlights heute undenkbar wäre.  

Viele der Messebesucher, aber auch zahlreiche Aussteller, dürften sich nach der pandemiebedingten Zwangspause die Frage stellen, inwieweit eine Messe wie die MIPCOM bzw. die MIP TV überhaupt noch zeitgemäß ist und dem eigenen Anspruch, den heutigen Bedürfnissen der Branche zu genügen, überhaupt noch gerecht wird.

Denn, wie die meisten Messeveranstaltungen weltweit, hat auch MIPCOM-Veranstalter REED MIDEM unter der Corona-Krise stark gelitten und musste gleich mehrfach mit seinen Fernsehmessen pausieren. In den Jahren zuvor wurden bis zu jeweils 14.000 Gäste aus aller Welt, darunter rund 3.000 sogenannte „Buyer“, Lizenzeinkäufer, gezählt. Wie viele es diesmal sein werden, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, dass sich aufgrund von Coronakrise und Hybridformat ein großer Rückgang sowohl an Ausstellern als auch an Messegästen abzeichnet. REED MIDEM hat für die heute beginnende Messe seine MIPCOM-Ausstellungsfläche reduziert und  spricht in seinen Ankündigungen bereits von einer „schlanken Ausstellungsfläche“, die den Herausforderungen einer großen Messeveranstaltung „unter den aktuellen Umständen“ gerecht werden soll.

Es bleiben Zweifel, ob die MIPCOM jemals wieder an ihre glorreichen Zeiten vor der Pandemiekrise anschließen kann. Hohe Teilnehmergebühren (1.160 EURO), wie auch die Bedingung in der Vergangenheit, dass Ausstellern eine Standbuchung nur für beide  TV-Messen eines Jahres (MIP TV und MIPCOM) im Paket möglich war, haben in der Vergangenheit wiederholt zu Kritik am Veranstalter geführt und hatten sich nicht selten als Stolperstein für eine Teilnahme an den Messen an der Côte d‘Azur  erwiesen.

Zu weiteren Kritikpunkten haben in der Vergangenheit immer wieder die  zum Teil exorbitanten Übernachtungspreise der Hotellerie vor Ort, aber auch die Preise und bisweilen auch der Service in der Gastronomie dies- und jenseits der Croisette, geführt.  

All diese Beobachtungen sind keine Momentaufnahme, sondern die Erfahrung des Autors aus über zwanzig Jahren regelmäßiger Teilnahme an den Fernsehmessen in Cannes. Natürlich stellen die genannten Kritikpunkte kein Hindernis dar, an den zentralen Fernsehmärkten MIP TV und MIPCOM in Cannes teilzunehmen. Fakt ist jedoch: Beide Messen haben schon bessere Zeiten erlebt. Jedenfalls gehören diese Zeiten der Vergangenheit an, in denen rauschende Feste auf luxuriösen Yachten im Hafen von Cannes und Nachbarorten, in noblen Nightclubs und Casinos, auf Schlössern der Provence oder in Locations an der Croisette gefeiert wurden, auf denen schon mal  an einem Abend gleich mehrere nagelneue PKWs unter den Partygästen verlost wurden.

Möglicherweise gehört auch der legendäre „Beta-Brunch“ der deutschen Beta-Film schon bald der Vergangenheit an, denn Messe-Veranstalter REED MIDEM könnte künftig, so ein Branchengerücht, beide Fernseh-Messen zu einer zentralen Messe zusammenlegen. Die Branche spart und sie muss sparen, weil der Wettbewerb nicht zuletzt durch die gewaltige Marktmacht der großen Streamingdienst-Anbieter härter geworden ist.

REED MIDEM hat nicht erst mit der heute beginnenden MIPCOM die Strategie seiner Fernsehmessen der digitalen Entwicklung angepasst. Das Unternehmen versucht seit geraumer Zeit, durch Auslagerung regionaler Fernsehmessen wie die MIP China für den asiatischen Markt oder die MIP Cancun für den lateinamerikanischen Markt ihren Kunden in diesen Teilen der Welt entgegenzukommen. Die hohen Anreise- und Aufenthaltskosten hatten viele mehr und mehr dazu veranlasst, auf eine Reise nach Cannes zu verzichten.

Hinzu kommt ein wachsender Konkurrenzdruck durch gleichgelagerte Messen wie die  L.A.-Screenings der Hollywood Studios und größten amerikanischen TV-Konzernen in Los Angeles, wie der parallel zur alljährlichen „Berlinale“ laufende EFM European Film-Market in Berlin, die NATPE in Miami mit ihrem europäischen Ableger, der NATPE Budapest oder auch der BBC-Studios Showcase. Last but not least veranstalten auch deutsche Sender wie die ARD und das ZDF eigene Haus-Messen und machen damit den Fernsehmessen der REED MIDEM zusehends das Leben schwerer.

Die digitale Transformation, in diesem Fall der Wandel vom linearen zum non-linearen Fernsehen, hat nicht nur das Verhalten von Zuschauern verändert. Es ist absehbar, dass es mittelfristig eine Bereinigung im Markt der Branchen-Messen geben wird.

Eines wird der digitale Wandel allerdings nicht ersetzen können: Dass sich Menschen weiterhin physisch vor Ort treffen, um zu Netzwerken, die Bilder im wahrsten Sinne des Wortes bewegt zu halten. Vive la Television!

Zum Autor: Prof. Dr. Conrad Heberling lehrt seit 2012 als Professor für Marketing und Marktforschung an der Filmuniversität „Konrad Wolf“ in Babelsberg und seit 2017 am Erich Pommer Institut in Potsdam für den Digitalen MBA/LL.M.. Darüber hinaus hat er einen Lehrstuhl für Digital Marketing and Communications Management an der SRH Berlin School of Popular Arts, Berlin. Prof. Dr. Conrad Heberling hat über zwanzig Jahre lang regelmäßig die Messen MIP TV und MIPCOM in Cannes besucht.


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