DAUN, 16.01.2013 - 15:41 Uhr
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DVB-T: Weiter so – oder Richtungswechsel?

Ein Gastbeitrag von Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM)

Die Umstellung der terrestrischen Fernsehversorgung vom analogen auf digitalen Betrieb hat seit dem Jahr 2002 den stetigen Rückgang der Akzeptanz der terrestrischen Fernsehnutzung gestoppt und in manchen Gebieten in eine Aufwärtsentwicklung umgewandelt. Dieses Phänomen ist vor allem in den Gebieten festzustellen, in denen neben den öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen auch private Fernsehprogramme über DVB-T angeboten werden. Zudem ist DVB-T heute ein geeignetes Versorgungsmedium für Zweit- und Drittfernsehgeräte in den Haushalten. Andererseits kann nicht darüber hinweggesehen werden, dass in den Gebieten, in denen keine privaten Fernsehprogramme zusätzlich zum öffentlich-rechtlichen Angebot dem Verbraucher zur Verfügung stehen, Akzeptanz-Zahlen im sehr niedrigen einstelligen Prozentbereich vorliegen.

Die Anzahl der ausstrahlbaren Fernsehprogramme über DVB-T stößt aufgrund der Frequenzsituation im UHF-Bereich in Deutschland an natürliche Grenzen. Auch wenn mit einer künftigen Migration nach DVB-T2 eine Kapazitätserweiterung erzielt werden könnte, so wird diese doch weitgehend durch die geplante Ausstrahlung von HD-Signalen wieder aufgezehrt. DVB-T wird deshalb auf Dauer sowohl quantitativ als auch qualitativ nicht mit den anderen Versorgungssystemen für Fernsehen in Deutschland (Kabel, Satellit und DSL-TV) mithalten können, vor allem wenn das Angebot an preisgünstigen Full-HD-Fernsehgeräten weiter zunimmt. Auch hinsichtlich der Versorgung von Zweit- und Drittgeräten in den Haushalten kommen neue Verbreitungssysteme innerhalb der Wohneinheiten zum Einsatz, die eine DVB-T-Versorgung für diese Geräte ersetzen können. Stichworte wie Sat-IP oder andere drahtlose Versorgungssysteme über WLAN setzen die Akzeptanz von DVB-T in diesem Teilmarkt unter Druck.

Ob durch den Einsatz von DVB-T2 ab dem Jahr 2016, wie es ARD und ZDF angekündigt haben, eine grundlegend andere Marktsituation hergestellt werden kann, ist fraglich. DVB-T wird auf Dauer der „kleine Bruder“ mit geringerem Programmangebot und in der Regel mit wohl schlechterer qualitativer Ausstattung im Rahmen der Fernsehverbreitungssysteme bleiben.

Umfangreiche Diskussionen der Landesmedienanstalten mit den privaten Fernsehveranstaltern in den letzten 1 ½ Jahren, allen voran mit der RTL-Gruppe und der Pro Sieben Sat 1 Media AG, haben gezeigt, dass private Fernsehanbieter nur dann dauerhaft ihre Angebote auch über die Terrestrik (DVB-T) anbieten wollen, wenn erhebliche Kostenreduzierungen im terrestrischen Bereich erzielt werden können, da DVB-T der mit deutlichem Abstand teuerste Fernsehübertragungsweg pro Haushalt ist. Der private Rundfunk fordert daher für ein weiteres Engagement zwingend neue Geschäftsmodelle (verschlüsselte Ausstrahlung vergleichbar HD+ im Satellitenbereich) für die DVB-T(2)-Verbreitung. Die Einführung von Verschlüsselungs-Systemen in DVB-T ist mit einem Wechsel auf DVB-T2 verbunden und bedingt eine komplette Auswechslung des bestehenden Endgerätebestandes. Zwischenzeitlich sind in vielen Laptops und Flachbildschirmen, die in Deutschland verkauft werden, DVB-T-Empfangsmodule integriert. Beim Übergang auf DVB-T2 müssten jedoch alle im Markt befindlichen Geräte substituiert werden. Diese und viele weitere Faktoren sind ausschlaggebend dafür, dass derzeit ernsthaft in Frage gestellt wird, ob eine Verbreitung von privaten Programmen über DVB-T über das Jahr 2014 hinaus in der Bundesrepublik stattfinden wird. Ein Rückgang von DVB-T hin zu einer niedrigen einstelligen prozentualen Akzeptanz in den Haushalten, wäre bei einem Ausstieg die Folge. Es ist insofern unschwer zu erkennen, dass ein „Weiter so“-Szenario der terrestrischen Fernsehversorgung in der Bundesrepublik kaum eine Zukunft beschert.

Als mittelfristige Alternative böte sich an, die terrestrische Fernsehversorgung nicht mehr auf den stationären Empfang des Erstgerätes im Hause zu beziehen, nicht mehr mit extrem hohe Leistungen für die Indoor-Versorgung auszustatten und in Datenraten über drei Megabit pro Sekunde pro Fernsehsignal zu investieren, sondern als neuen Zielmarkt den portablen Empfang für DVB-T(2) ins Visier zu nehmen.

Da insbesondere die junge Generation über Smartphones und Tablets intensiv Videoangebote nutzt, lohnt es sich auch im Sinne einer hybriden Versorgung über Mobilfunk- und Rundfunknetze, darüber nachzudenken, ob es nicht gemeinsame Interessen zwischen den Mobilfunkbetreibern und den Rundfunkanbietern in diesem Marktsegment geben könnte. Wenn der Empfang von linearen Fernsehprogrammen nicht über Mobilfunknetze vermittelt werden müsste, sondern in nahezu jedem portablen Endgerät alternativ über einen DVB-T-Chip zur Verfügung stände, könnte ein sinnvolles Miteinander von Rundfunk und Mobilfunk und eine wirksame Entlastung der Mobilfunknetze erzielt werden, ohne dem Endverbraucher Nutzungseinschränkungen aufzuerlegen. Wie eine IRT-Ausarbeitung vom Dezember 2012 anschaulich aufzeigt, ist man in Japan diesen Weg schon sehr frühzeitig gegangen und zwischenzeitlich werden fast die Hälfte aller im japanischen Markt verkauften Smartphones und Tablets mit Chips zum Empfang eines linearen Fernsehangebotes über terrestrische Rundfunknetze ausgestattet.

Die Neuausrichtung auf den portablen Zielmarkt hat sowohl gegenüber dem mobilen als auch gegenüber dem stationären Empfangsmarkt Vorteile: Gegenüber dem mobilen Empfang die geringeren Fehlerschutzbedingungen, gegenüber dem stationären Empfang die wesentlich geringeren Datenraten. Dies hätte auch eine signifikante Preisreduzierung, bis hin zum Faktor zehn, pro Fernsehanbieter zur Folge. DVB-T würde dann das Marktsegment „First Screen“ in den Haushalten den Rundfunkverbreitungssystemen Kabel, Satellit und DSL-TV überlassen und würde sich schwerpunktmäßig auf kleinere Bildschirme mit Diagonalen von bis zu 15 Zoll spezialisieren. Die Folge daraus wäre, dass Datenraten von ca. 300 kBit pro Sekunde pro Fernsehsignal ausreichend sind und die Senderleistungen von heute 100 kW um den Faktor zehn reduziert werden könnten. Indoor-Versorgungen sind nämlich mittelfristig über WLAN-Systeme genauso zu erzielen, wie heute über terrestrische Sendernetze, die mit hohem Leistungsverlust die Gebäudedämmung überwinden müssen.

Soweit sich DVB-T auf den portablen Zielmarkt ausrichtet, müssten Kooperationen mit den Mobilfunkunternehmen und der Endgeräteindustrie eingegangen werden. Smartphones und Tablets mit DVB-T-Chips auszustatten, dürfte weder ein technisches noch ein wirtschaftliches Problem darstellen. Da durch ein portabel empfangbares, breites DVB-T-Angebot die UMTS- oder LTE-Netze maßgeblich entlastet werden könnten, dürfte auch die Mobilfunkindustrie an dieser Entwicklung Interesse zeigen. Durch den Einsatz von DVB-T2, das bei einer Neuausrichtung für den portablen Markt ins Auge gefasst werden sollte, stünde zudem eine sehr effiziente Verbreitungstechnologie zur Verfügung, die die Verbreitung von weit über 40 TV-Programmen mit den heutigen Frequenzkapazitäten ermöglichen würde.

Die einhergehende Kosteneinsparung für die Programmanbieter kann dafür eingesetzt werden, die DVB-T-Netze für den portablen Empfang erheblich großflächiger als heute und in annähernd allen Ballungszentren in der Bundesrepublik Deutschland aufzubauen. Zusätzliche Kosten für die Fernsehanbieter würden dadurch nicht entstehen. Die geringeren Datenraten im Ausstrahlungsbereich entlasten auch den Energiebedarf für die Dekodierung in den Endgeräten und führen dazu, dass die Batterieleistung eines portablen Endgerätes bei weitem nicht so stark beansprucht wird, wie für die Dekodierung der heutigen DVB-T-Datenströme mit über 3 Mbit/s.

Die Neuausrichtung von DVB-T(2) auf den portablen Empfangsmarkt garantiert dem Rundfunk ein Alleinstellungsmerkmal bei der Verbreitung seiner linearen Programme an jedermann und liegt auch im wirtschaftlichen Interesse der Programmveranstalter sowie der Marktpartner im Mobilfunkbereich. Es stellt einen Weg dar, der mittelfristig ein Marktsegment bedient, das am linearen Fernsehen über portable Geräte interessiert ist. Entsprechende Migrations-Szenarien müssten durch alle Marktbeteiligten entwickelt werden. Ein Umstieg wäre noch in dieser Dekade machbar. Eine konzertierte Aktion aus öffentlich-rechtlichen und privaten TV-Anbietern, der Mobilfunkindustrie, den Netzbetreibern und den Landesmedienanstalten könnte dazu führen, neue Nutzungsformen in einer mobilen Informations-Gesellschaft zu bedienen und die terrestrische Fernsehversorgung zukunftsfähig zu erhalten. Wenn wir das Bestehende erhalten wollen, müssen wir den Mut haben, neue Wege zu gehen.

www.blm.de

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