DAUN, 17.01.2013 - 11:37 Uhr
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Pro Sieben Sat 1 hält sich bei DVB-T alle Optionen offen – RTL sieht kein „belastbares Geschäftsmodell“

(dm) – Während die Mediengruppe RTL einen Ausstieg bei DVB-T plant (Digitalmagazin berichtete), ist in München bei Pro Sieben Sat 1 noch keine Entscheidung zur Zukunft der digital-terrestrischen TV-Verbreitung gefallen. „Für uns sind derzeit alle Optionen offen, sowohl der Ausstieg aus der terrestrischen Verbreitung als auch die Verlängerung von DVB-T1 sowie die Einführung von DVB-T2“, sagte eine Sprecherin von Pro Sieben Sat 1 am 17. Januar gegenüber Digitalmagazin. „Sollte eine Weiterentwicklung der terrestrischen Verbreitung – wie bei DVB-T2 angedacht – funktionieren, dann wäre das der präferierte Weg. Dies setzt aber voraus, dass DVB-T zukünftig wirtschaftlich tragfähig ist und neue Geschäftsmodelle etabliert werden können“, betonte die Sprecherin.

Ausstieg ab Ende 2014 – DVB-T-Aus in München bereits im Juni

RTL hatte am 16. Januar seinen DVB-T-Ausstieg angekündigt. Die aktuellen Vereinbarungen zur Verbreitung der Programme RTL, Vox, Super RTL und RTL 2 sowie in Berlin N-TV laufen bis zum 31. Dezember 2014. Eine Ausnahme bilde der Großraum München, bei dem die Vereinbarung bis 31. Mai 2013 läuft. Von den auslaufenden Verträgen werden zunächst ab 1. Juni ca. 90.000 Haushalte im Großraum München die Programme der Mediengruppe RTL nicht mehr empfangen können. Bei den restlichen Haushalten wäre dies ab 1. Januar 2015 der Fall, hieß es in Köln. Die Mediengruppe RTL Deutschland sehe derzeit keine Möglichkeit für die Fortführung der Terrestrik auf Basis von DVB-T in Deutschland. Das Unternehmen habe stets betont und darauf hingewiesen, dass die Vorstellungen für die Aufrechterhaltung dieses Verbreitungsweges politische Planungssicherheit und ein belastbares Geschäftsmodell sind. Diese Vorstellungen seien nicht in ausreichendem Maße erfüllt. „Ein durch Bund und Länder gemeinsam garantierter stabiler Verbleib der terrestrischen Frequenzen im Verfügungsbereich des Rundfunks auch über das Jahr 2020 hinaus, der das erforderliche Investitionsvolumen im mittleren zweistelligen Millionenbereich allein für die Mediengruppe RTL Deutschland rechtfertigt, ist nicht erkennbar“, sagte Marc Schröder, Geschäftsführer RTL Interactive und als Mitglied der Mediengruppe RTL Deutschland für die Strategische Unternehmensentwicklung verantwortlich.

„Bislang kein ökonomisch tragfähiges Geschäftsmodell“

„Darüber hinaus wäre eine Zukunft der Terrestrik für viele Sender unter stabilen ökonomischen Rahmenbedingungen nur verschlüsselt möglich. Die dazu notwendige Fortentwicklung der Terrestrik in diese neue zukunftsfähige Form ist nur mittels eines Umstiegs der gesamten Branche denkbar. Insoweit lassen weder die Bundesländer noch die verschiedenen Regulierungs- und Aufsichtsbehörden den notwendigen Willen erkennen, ein solches Projekt zu unterstützen.“ Trotz intensiver Bemühungen der Infrastrukturbetreiber sehe man bislang kein ökonomisch tragfähiges Geschäftsmodell. „Generell ist die Mediengruppe RTL Deutschland der Überzeugung, dass auch weiterhin eine drahtlose Übertragung für den Rundfunk, auch für die mobile Nutzung, sinnvoll ist. Daher setzen wir uns dafür ein, diesen Bereich des Frequenzspektrums auch weiterhin einer primären Verbreitung durch den Rundfunk vorzubehalten – welche Technologie hierfür im deutschen Markt die richtige sein wird, wird sich zeigen“, so Schröder weiter.

Verhandlungen zu DVB-T2-Projekt in Österreich

Die Entscheidung betreffe konkret die technische Nutzungsform der Frequenzen mit der DVB-T-Technologie in Deutschland. Generell sei die Mediengruppe RTL Deutschland der Überzeugung, dass auch weiterhin eine drahtlose Übertragung für den Rundfunk, auch für die mobile Nutzung, sinnvoll ist. So befindet sich die Mediengruppe RTL derzeit in Verhandlungen zu einem DVB-T2-Projekt in Österreich, im Unterschied zu Deutschland seien dort die Rahmenbedingungen – verschlüsselte Verbreitung sowie eine langfristige Planungssicherheit durch die Sicherstellung der notwendigen Frequenzressourcen – deutlich positiver zu bewerten. „Daher setzen wir uns dafür ein, diesen Bereich des Frequenzspektrums auch weiterhin einer primären Verbreitung durch den Rundfunk vorzubehalten – welche Technologie hierfür im deutschen Markt die richtige sein wird, werden die kommenden Monate zeigen“, sagte Schröder.

„DVB-T mit Abstand teuerster Übertragungsweg“

Im Unterschied zur Übertragung im digitalen Kabel, über IPTV und Satellit biete DVB-T erheblich weniger Bandbreiten zur Übertragung der Programme, hieß es in Köln weiter. So empfingen DVB-T-Nutzer durchschnittlich 30 Programme, währenddessen Zuschauer über das digitale Kabel durchschnittlich 93 und über den digitalen Satelliten durchschnittlich 117 Programme empfangen könnten. Dies habe zur Folge, dass beispielsweise die Ausstrahlung von Programmen in brillanter HD-Qualität in etwa drei DVB-T-Programmplätze benötigen würde und dadurch nur noch zwei von sechs Programmen der Mediengruppe RTL ausgestrahlt werden könnten. 95,8 Prozent des Gesamtmarktanteils der Mediengruppe RTL Deutschland komme von Zuschauern aus dem Kabel, digitalem Satellit und IPTV. Obwohl der terrestrische Übertragungsweg bereits vor über zehn Jahren gestartet ist, betrage der Marktanteilsbeitrag von DVB-T bei den Sendern der Mediengruppe RTL Deutschland im Jahr 2012 demnach im Durchschnitt nur 4,2 Prozent. Die Kosten pro erreichtem DVB-T-Haushalt würden um ein Vielfaches über denen der anderen Distributionswege liegen. So sei die Verbreitung der Programme via DVB-T mit Abstand der teuerste Übertragungsweg und im Vergleich zum digitalen Satelliten etwa 30-mal so teuer.

„Planungssicherheit fehlt“

Bereits im Jahr 2010 habe es bei der sogenannten Digitalen Dividende I (Wegfall 790-860 MHz) keine Hilfestellung von Bund und Ländern in Richtung Erhalt der Frequenzen und auch keinerlei Kompensation für das dem Rundfunk weggenommene Frequenzspektrum gegeben. „Wenn sich hier nun weitere Verluste beim Frequenzspektrum abzeichnen, fehlt uns die erforderliche Planungssicherheit zur Sicherung der Investitionen in einen Weiterbetrieb DVB-T oder dem Wechsel zu DVB-T2. Sicherheit könnte hier nur die Politik, also Bund und Länder geben, in deren Hoheit die Vergabe von Frequenzen liegt. Eine solche Planungssicherheit wurde uns bis heute nicht gegeben“, kritisierten die Kölner.

Verbraucherschützer kritisieren RTL-Entscheidung

Die Verbraucherzentrale NRW hat unterdessen am 17. Januar die Entscheidung der Mediengruppe RTL kritisiert. Davon sind in NRW die Sender RTL, RTL 2, Super RTL und Vox betroffen. Klaus Müller, Vorstand der Düsseldorfer Verbraucherzentrale, hat die Landesregierung aufgefordert, „darauf hinzuwirken, dass DVB-T als populärer Verbreitungsweg von Rundfunk dauerhaft erhalten bleibt und weiterentwickelt wird.“ So könne ein neuer Standard (DVB-T2) bessere Bilder in HD-Qualität und mehr Programme ermöglichen. Wenn die privaten Vollprogramme einen Beitrag zur Medienvielfalt leisten sollen und die Veranstalter hierfür medienpolitische Privilegien beanspruchen, müssten sie auch auf dem in NRW gut genutzten Antennenempfangsweg vorkommen. Die Verbraucherzentrale NRW empfiehlt dem Gesetzgeber und den Landesmedienanstalten, hierfür Vorgaben zu entwickeln. Seit der Umstellung von der Analog-Technik auf den digital-terrestrischen Empfang im Jahre 2004 erfreue sich das Antennenfernsehen in NRW sehr großer Beliebtheit. Rund 14 Prozent der 8,2 Millionen Fernsehhaushalte in NRW nutze das Antennenfernsehen als ersten Empfangsweg, weitere fünf Prozent setzten DVB-T für Zweit- oder Drittgeräte ein – mit steigender Tendenz, insbesondere bei mobilen Geräten. Die Gründe für die hohe Akzeptanz der DVB-T- Nutzung sieht die Verbraucherzentrale NRW in dem breiten Programmangebot (zwölf öffentlich-rechtliche und zwölf private Programme im Ballungsgebiet Rhein-Ruhr), der unverschlüsselten Verbreitung der Programme, kostenlosen Empfangbarkeit mit geringem Aufwand an Antennentechnik sowie der Möglichkeit, Fernsehen auch unterwegs mobil zu empfangen.

Domino-Effekt befürchtet

Ohne die Beteiligung der „Privaten“ befürchtet Verbraucherzentralen-Vorstand Klaus Müller, „dass die Erfolgsstory DVB-T Ende 2014 zu einem abrupten und verbraucherunfreundlichen Ende kommt.“ Denn die öffentlich-rechtlichen Programmanbieter ARD und ZDF müssten die Infrastrukturkosten der Programmverbreitung im Wesentlichen allein tragen. Die Verteuerung würde auch das über UKW ausgestrahlte Radio tangieren und hier erhebliche Finanzierungsprobleme aufwerfen. „Das gilt sowohl für die öffentlich-rechtlichen Radioprogramme wie für den gesamten privaten Lokalfunk in NRW“, betone Klaus Müller. Deshalb bestehe die Gefahr, dass der RTL-Ausstieg „einen Domino-Effekt auslöst.“

www.prosiebensat1.com

www.mediengruppe-rtl.de

www.vz-nrw.de

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