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DAUN, 31.01.2020 - 08:43 Uhr
Radio

Oyten an der A1 - Warum Radioprogramme an Staudurchsagen festhalten

Nach den Radionachrichten kommt der Moment von Deutschlands Orten abseits der Millionenstädte. Oyten an der A1, Walldorf an der A5, Neuss-Uedesheim an der A46, Neuenstadt am Kocher an der A81. Wie oft man im Deutschlandfunk solche Orte oder Namen von Autobahnkreuzen schon hörte. Am Küchentisch, im Auto, im Büro. Elf Kilometer Stau, acht Kilometer zähfließender Verkehr, zwölf Kilometer stockend. Seit mehr als einem halben Jahrhundert sind Verkehrsmeldungen Teil dieses bundesweiten öffentlich-rechtlichen Radioprogramms. Ab Samstag (1. Februar) wird das Vergangenheit sein.

Nie mehr Bovert an der A57 - das liegt in Nordrhein-Westfalen -, nie mehr Autobahnkreuz Weinsberg in Baden-Württemberg.

Das gilt zumindest für den Deutschlandfunk mit werktäglich 2,18 Millionen Hörern. Eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter privaten und öffentlich-rechtlichen Hörfunkhäusern ergab zugleich, dass Verkehrsinfos weiter ihren festen Platz im Radio haben - trotz Konkurrenz von Navigationssystemen und Apps. Die befragten Sender haben anders als der Deutschlandfunk ihre Zielgruppen vor allem im Regionalen.

Beim privaten Sender RPR1. in Ludwigshafen, bei dem täglich bis zu 100 Minuten Sendezeit für Verkehr zusammenkommen, sagt der Leiter Info Content, Andreas Holz: „Aus unseren Befragungen wissen wir, dass Hörer ihre Strecke teilweise vor Fahrtantritt über das Smartphone checken, im Auto aber das Radio nutzen, um über aktuelle Entwicklungen informiert zu bleiben.“ Zugleich sei das reine Melden von Stauinfos heute weniger wichtig als der einordnende Überblick.

Vom öffentlich-rechtlichen Norddeutschen Rundfunk (NDR), der an einem gewöhnlichen Tag fast vier Stunden Verkehrsmeldungen in all seinen Programmen sendet, heißt es: „Die Verkehrsmeldungen im Radio sind angesichts der Zunahme des Verkehrs auf den bundesdeutschen Straßen wichtiger denn je.“ Dem Südwestrundfunk (SWR) zufolge zählt in Hörerumfragen der Verkehrsservice gemeinsam mit Nachrichten und Wetter regelmäßig zu den Top 3 Rubriken. Der Programmchef von Hit Radio FFH in Hessen, Roel Oosthout, betont, dass Staumeldungen und ergänzende Infos rund um die Verkehrslage noch immer zu den wichtigsten Programmbedürfnissen der Hörer gehörten.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen verweist radio NRW darauf, dass es dort auch das dichteste Straßen- und Autobahnnetz gibt. Der Verkehrsfunk spiele bei den NRW-Lokalradios trotz Navi und Apps immer noch eine Rolle. Programmdirektor Thomas Rump sieht diesen Vorteil: „Die persönliche Ansprache durch den Nachrichtenredakteur oder Moderator vermittelt den Hörern Authentizität und Verlässlichkeit.“

Auch Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) und Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) wollen ihre Stauinfos nicht reduzieren. RBB-Sprecher Justus Demmer betont: “Der Verkehrsservice im Radio hilft, einen schnellen Grundüberblick über die aktuelle Verkehrslage zu bekommen, ohne dass die HörerInnen dafür ihr Smartphone zur Hand nehmen müssen - und somit beispielsweise schon morgens beim Zähneputzen nebenbei zu erfassen, ob man mit dem Auto länger zur Arbeit brauchen wird.“

Im Fokus steht nicht nur die Straße. Es gebe inzwischen mehr Verkehrinfos für Hörer, die öffentliche Verkehrsmittel in der Hauptstadt und Brandenburg nutzen. Der SWR betont, dass Infos zu Störungen im S-Bahn- und Bahn-Netz sowie Parkplatzinformationen zunehmend wichtiger seien.

Als der Deutschlandfunk (Dlf) am 25. März 1964 mit Durchsagen über Verkehrsstörungen startete, galt das als großer Schritt. Das habe in die Zeit mit rasant wachsendem Individualverkehr und damit einhergehend mit mehr Staus und Unfällen gepasst, heißt es beim öffentlich-rechtlichen Deutschlandradio, zu dem der Dlf gehört. „Nach unserem Kenntnisstand war der Deutschlandfunk das erste Programm, das ein solches Angebot unterbreitet hat, insofern tatsächlich innovativ.“

Warum ist nun Schluss damit? Der Sender beruft sich auf eine Befragung von gut 5300 Hörerinnen und Hörern im Sommer 2019, bei der mehr als zwei Drittel (68,7 Prozent) demnach angaben, Verkehrsnachrichten im Deutschlandfunk seien ihnen „nicht wichtig“ oder „weniger wichtig“. „Der Wunsch nach einer Abschaffung ist nachvollziehbar, denn gerade bei einem bundesweiten Programm hat das Gros der Meldungen selbst für Autofahrer keine Relevanz“, heißt es.

Die freigewordene Sendezeit - der Tagesdurchschnitt liegt mithin bei etwa 30 Minuten - soll für mehr Nachrichten genutzt werden.

Deutschlandradio-Programmdirektor Andreas-Peter Weber sagt: „Der Nutzwert bundesweiter Verkehrsmeldungen im Radio hat in Zeiten von Navigationsgeräten mit Echtzeit-Informationen über das Verkehrsgeschehen deutlich abgenommen. Viele unserer Hörerinnen und Hörer haben sich daran gestört.“

Der Deutschlandfunk ist nicht das erste Programm, das diesen Schritt geht. Im Mai 2019 nahm Rock Antenne den Verkehrsfunk aus dem On-Air-Programm, weil es sich ebenso um ein nationales Radio-Format handelt, wie es von der Unternehmensgruppe Antenne Bayern heißt. Bei Antenne Bayern selbst blieben Stauinfos im Programm. Zwar nutzten viele auch Navigationssystem und Handysoftware, wie der Chefredakteur von Antenne Bayern, Ralf Zinnow, betont. Im Verkehrsservice werde jedoch nicht nur die Meldungsliste vorgelesen, sondern es werde versucht, hilfreiche Zusatzinfos zu liefern, die ein Navigationssystem nicht liefern könne.

Der digitale Wandel hat sich auf die Stau- und Verkehrsmeldungen ausgewirkt: Es kamen neue Ausspielwege hinzu. Der SWR zählt etwa App und Smartspeaker auf. Und Meldungen werden demnach mit entsprechender Kodierung frei empfangbar an Navigationsgeräte gesendet. Bei Antenne Bayern und Rock Antenne können sich Nutzer einer App Blitzer im Umkreis von 30 Kilometern vom eigenen Standort vorlesen lassen. Heute basieren die Verkehrsinfos beim NDR vorwiegend auf Echtzeitdaten - vor zehn Jahren seien Radioprogramme noch wesentlich von Meldungen der Polizei abhängig gewesen.

Die dpa-Anfragen bei den Sendern ergaben auch, dass diese weiterhin in Verkehrsredaktionen und in Technik investieren. Hit Radio FFH zum Beispiel hat einen Verkehrsreporter im Kontrollzentrum der Verkehrszentrale vom Land Hessen. Nach wie vor setzen Sender auch auf Hörerhinweise. Der MDR führt in einem Verkehrszentrum über vier Staumelder-Hotlines monatlich zwischen 4000 und 5000 Gespräche.

 

Von Anna Ringle, dpa


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