DAUN, 09.04.2020 - 16:00 Uhr
Radio

„Unter erschwerten Bedingungen auf Volllast“ - Privatradio und Corona

Nix los auf Sylt. Corona hat alles verändert. Wie hätte die Insel ausgesehen, wenn die Touristenscharen über Ostern gekommen wären? Die Auswirkungen zeigen sich in vielen Bereichen. „Da Sylt für den Tourismus geschlossen ist, nehmen die Werbeaufträge dramatisch ab“, sagt der geschäftsführender Gesellschafter des privaten Radios Antenne Sylt, Steffen Müller, auf dpa-Anfrage. „Wir haben im März einen Rückgang von 30 Prozent und im April von 80 Prozent zu verzeichnen.“ Die Vertriebsmitarbeiter wurden in Kurzarbeit geschickt. Und gleichzeitig gebe es diese Entwicklung: Die Leute hören mehr Radio. Mit dieser Schere im Kopf lebt gerade die Branche der privaten Radios in Deutschland. Es gibt mehr Nachfrage nach dem Programm, aber wirtschaftlich gleicht das die Einbrüche im Werbemarkt nicht aus.

Der Verband Privater Medien (Vaunet) appelliert mit klaren Worten an Bund und Länder, private Radioveranstalter in der Krise zu unterstützen - mit einem gemeinsamen Maßnahmenpaket. In einem Brief an die Ministerpräsidenten, Staatskanzleien, an mehrere Bundesminister und Landesmedienanstalten, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, heißt es: „Der dramatische Werbeeinbruch wird bei den privaten Hörfunkveranstaltern für sehr lange Zeit sehr tiefe Spuren hinterlassen. Ohne existenzsichernde Maßnahmen wird uns im ohnehin schon ungleichen Wettbewerb mit den haushaltsabgabenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Angeboten auf lange Zeit die erforderliche Innovationsfähigkeit geraubt.“

Der Vaunet-Vorsitzende für den Bereich Radio und Audiodienste, Klaus Schunk, sagt: „Es braucht vor dem Hintergrund der aktuellen Krise dringend eine Förderung zugunsten der privaten Radioanbieter. Lediglich zinsfreie Darlehen sind nicht ausreichend, um unsere Mitgliedsunternehmen in dieser Situation wirtschaftlich wieder zu stabilisieren.“

Von Sylt nach Nordrhein-Westfalen: Bei den Lokalradios von Radio nrw ist die Situation ähnlich wie im Norden. Die Nachfrage nach Radio ist in Corona-Zeiten groß. „Vor allem die Lokalradios können ihre Stärken gerade jetzt sehr eindrucksvoll ausspielen. Der Bedarf an Information und auch an Unterhaltung ist um ein Vielfaches gestiegen, was wir an den steigenden Nutzerzahlen unserer Online-Audio-Produkte über Streaming sehr genau und in Echtzeit ablesen können“, sagt Geschäftsführer Sven Thölen. „Daher fahren unsere Redaktionen unter erschwerten Bedingungen auf Volllast.“ Auch hier wird mit drastischen Werbeeinbußen gerechnet für April und Mai.

Mit diesem krassen Gegensatz geraten die Unternehmen in eine Klemme.

„Wenn wir die journalistische Qualität weiter sichern wollen, tun wir uns schwer, im redaktionellen Bereich über die Maßen einzusparen“, sagt Thölen. „Auch um die Beschäftigung mit dem Thema Kurzarbeit werden wir nicht drumherum kommen. Hier loten wir im Moment verschiedene Optionen aus, die aber nicht die Qualität der Radioprodukte mindern dürfen.“

In Deutschland ist vor Jahrzehnten das duale Rundfunksystem etabliert worden: Auf der einen Seite gibt es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich im Wesentlichen aus dem monatlichen Rundfunkbeitrag finanziert. Auf der anderen Seite gibt es den privaten Rundfunk, der auf dem freien Markt agiert. Große Einnahmequelle: Werbeeinnahmen.

Mit wegbrechenden Erlösen sind neben dem privaten Rundfunk auch andere Medien wie Zeitungs- und Zeitschriftenverlage konfrontiert. Es gibt Stornierungen und Werbekampagnen werden geschoben.

Medienkonzerne greifen auf Kurzarbeit zurück. Und auch dort ist zugleich der Hunger nach Information größer geworden.

„Je kleiner die selbstständige Einheit ist, desto größer ist die Betroffenheit“, sagt Schunk, der auch Geschäftsführer von Radio Regenbogen in Baden-Württemberg ist, über die aktuelle Lage der privaten Radiosender. Die meisten Geschäfte seien derzeit geschlossen. Lokal seien diese Kunden für Radiosender wichtig für Werbung. Das falle jetzt weg.

Die Begriffe Lokalsender und Regionalsender werden Schunk zufolge als ordnungspolitische Bezeichnung mit unterschiedlichen Definitionen genutzt. Grob unterscheiden könne man Lokal-/Regionalradios und landesweite Veranstalter in den Bundesländern sowie bundesweite private Angebote, insbesondere als DAB+ und Webradios. Insgesamt gebe es 273 private Radioanbieter in Deutschland, davon seien 162 Lokalradios.

„Ich gehe davon aus, dass 80 Prozent der privaten Radioveranstalter entweder Kurzarbeit bereits eingeführt haben oder noch anmelden werden“, sagt Schunk. Allein aus Sorgfaltspflicht, um die Liquidität der Unternehmen aufrecht zu erhalten und auch dafür zu sorgen, dass die Redaktionen personell besetzt bleiben. „Ohne staatliche Hilfe oder eine staatliche Überbrückung ist es uns nicht möglich, am Markt zu agieren.“ Schunk sagt mit Blick in die Zukunft: „Die Unternehmen werden voraussichtlich wohl drei Jahre benötigen, um wieder auf ein einigermaßen stabiles Niveau zu kommen.“

Dem Verband zufolge ist eine Förderung in mehreren Bereichen notwendig: Kurzfristig sollten etwa technische Verbreitungskosten bis Jahresende übernommen und der private Rundfunk bei Werbekampagnen des Bundes und der Länder einbezogen werden. Mittelfristig sollte es unter anderem über mehrere Jahre steuerliche Erleichterungen für die Verbreitungskosten und einen befristeten Verzicht der Bundesnetzagentur auf die Frequenzabgabe geben. Der Verband spricht sich auch für einen runden Tisch aus.

Von der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz - das Bundesland koordiniert Rundfunkangelegenheiten der Länder - hieß es auf Anfrage: „Wir wissen um die besonderen Herausforderungen, mit denen der private Rundfunk, vor allem der private Hörfunk konfrontiert ist.“ Die Länder stünden seit Beginn der Krise im Kontakt mit den Landesmedienanstalten und den Verbänden. Am Dienstag habe es eine gemeinsame Telefonkonferenz gegeben.

Es bestehe die klare Erwartung, dass die bereits aufgelegten Hilfsprogramme von Bund und Ländern auch den privaten Rundfunkveranstaltern offen stehen. Die Landesmedienanstalten hätten angeboten, die privaten Rundfunkveranstalter bei der Antragstellung für Soforthilfen zu unterstützen. Darüber hinaus prüften die Länder mit den Landesmedienanstalten, „welche weiteren Optionen bestehen, um die privaten Rundfunkanbieter weiter entlasten zu können. Hierzu wird es weitere Gespräche geben“, hieß es.

 

Von Anna Ringle, dpa


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