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DAUN, 10.10.2018 - 10:24 Uhr
Technik - Fernseher

Woran das Fernsehen krankt – eine Diagnose

Das heutige Fernsehen ähnelt einem Patienten, der dahinsiecht. Viele Krankheiten machen dem Medium, das einst den Begriff des Straßenfegers prägte, zu schaffen.. Kurieren kann der folgende Artikel nicht. Aber er kann den Finger in die Wunden legen – denn vieles ist vom Fernsehen selbst verursacht.

1. Die Monetisierung

Beim Kabelfernsehen gehörte es von Anfang an zum Geschäftsmodell, dass man nur gegen regelmäßige Bezahlung das Programm empfangen konnte. Doch das war nicht schlimm, immerhin gab es Alternativen in Form des Antennen-, bzw. Satellitenfernsehens.

Allerdings, mit der angepeilten Abschaltung der SD-Signale von Satelliten befindet sich derzeit das Sat-TV ebenso im Umbruch Richtung Pay-to-view wie es beim terrestrischen DVB-T schon seit einigen Jahren der Fall ist. Das Ergebnis: In nur wenigen Jahren wird es keine Möglichkeit mehr geben, Fernsehen ohne Abo-Gebühr zu schauen. Für den Zuschauer bedeutet das eine gleich mehrfache Belastung:

  • GEZ-Gebühren
  • Abo-Gebühren
  • Störende Werbeblöcke

Er zahlt also, je nach Sender, teilweise dreimal, um eine Sendung anschauen zu können. Die einzige künftige Alternative ist DVB-T2, bei dem die öffentlich-rechtlichen verpflichtet sind, eine kostenlose Informations-Grundversorgung aufrecht zu erhalten. Im Klartext, ARD, ZDF und Dritte, sonst aber nichts.

2. Die HD-isierung

fotolia.com / Juergenl.Die Monetisierung lässt sich nicht ohne die HD-isierung erklären, denn letzten Endes erfolgt die Umstellung nur aus einem Grund: Sender schalten auf digitale Signale um, weil diese weniger Bandbreite benötigen und daher mehr davon ausgestrahlt werden kann – das digitale Signal eines Senders in höchster HD-Qualität benötigt 1/10 der Bandbreite als ein analoges in SD-Qualität.

Doch was vorteilhaftklingt ist nur Ausdruck eines ungesunden „höher, schneller, weiter“-Denkens, das ohne Rücksicht auf den Kunden erfolgt. Man wird gezwungen, neue Receiver zu kaufen, mitunter neue Anschlüsse legen zu lassen. Zwar ist Evolution in der Fernsehtechnik nichts Überraschendes. Aber heutzutage läuft sie in so kurzen Abständen, dass es fast dreist ist, dem Zuschauer die ständigen technischen Wechsel aufzuzwingen.

Zudem: Erst die Digitalsignale ermöglichen eine sehr komplexe Verschlüsselung, die das Modell der Monetisierung überhaupt erst gangbar macht.

3. Die Proletarisierung

Als der Vorstandsvorsitzende der ProSiebenSat 1 Media SE 2017 über seine Zuschauer-Kernzielgruppe sagteSie sind Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen.“, trat er das los, was man neudeutsch als Shitstorm bezeichnet – eine Welle der Empörung.

Tatsächlich kann das Privatfernsehen sich dieses Problem selbst zuschreiben. Denn das Fernsehen bestimmt den Zuschauer, nicht umgekehrt. Seit Jahr und Tag sinkt das Niveau. Wo samstagsabends früher noch normale Filme gezeigt wurden, laufen heute Nonsens-Shows. Wo nachmittags noch halbwegs niveauvolle Unterhaltung gezeigt wurde, laufen heute billigst produzierte Trash-Sendungen – „Billiger wäre es nur noch, das Testbild zu zeigen“ so der ehemalige RTL-Chef Thoma. Dass man sich mit einer solchen Programmauswahl seine Zielgruppe selbst in Richtung derer, die keine großen Unterhaltungsansprüche stellen, heranzieht, dazu braucht es keinen Abschluss in Medienpsychologie.

4. Die Sensationalisierung

fotolia.com / Erik Klietsch„Die größte Show Deutschlands“ tut es heute schon lange nicht mehr. Heute muss es schon die der Welt oder gar gleich des Universums sein. Anders ausgedrückt: das Privatfernsehen glaubt, sich heute in jeder noch so belanglosen Sendung selbst übertreffen zu müssen und pusht dazu die Sensationalisierung. Dabei liegt die Wurzel dieses Übels in den späten 1980ern, als das Privatfernsehen erstmals Fußballberichterstattung zeigte. Fußball wurde zum Entertainment. Die normale Spielberichterstattung tat es längst nicht mehr, die Sensation musste her – Fachleute im Studio, Zeitlupen aus dutzenden Blickwinkeln. Bis zu einem Punkt, an dem Fußball wohl bald ganz aus dem ÖR-TV verschwinden wird, weil man sich dort das alles nicht mehr leisten kann – die Sensationalisierung sorgte nämlich dafür, dass die Lizenzkosten ob der möglichen Werbeeinahmen für einen Sender sprunghaft anstiegen.

Und von da ausgehend musste irgendwann alles auch abseits des Sports der Sensationsgier untergeordnet werden. Als RTL in den 90ern die 100.000 Mark Show zeigte, waren die Gewinnsummen extrem. Heute geht es auf ProSieben bei „Schlag den XYZ“ (Ehemals Schlag den Raab) bereits um Millionenbeträge. Das Problem an der Sache ist, dass sich die Sensation mit jeder Steigerung abnutzt. Wenn die Sendung vergangene Woche schon „die größte aller Zeiten“ war, wie kann die heute dann noch besser sein?

5. Die Dramatisierung

Die Uhr tickt, die Entscheider schweigen, die Kandidaten starren betreten zu Boden. Ganz gleich ob auf der Bühne Musiker stehen, Models oder Twenty-Somethings, die darauf warten, in der Real-Life-Paarungssendung eine Runde weiterzukommen, das Schema ist immer gleich: die Sender ziehen die Spannung in die Länge, sogar völlig unverblümt über ganze Werbeblöcke. Wo früher zwei, drei Gedenksekunden ausreichten, muss die Spannung heute künstlich bis über jeden sinnigen Totpunkt gedehnt werden. Dass selbst das überraschendste Ergebnis (das sowieso nie eintritt) gegenüber dieser „Spannung“ zurückstehen muss, ist ein Problem, das die Sender nicht zu erkennen scheinen – denn zwischen den Topmodels und ähnlichen Formaten wird es seit Jahr und Tag zelebriert, selbst für nichtigste Anlässe.

6. Die Egal-isierung

Es ist natürlich eine Tatsache, dass das klassische Fernsehen im Vergleich zu den Streaming-Giganten nur den Kürzeren ziehen kann. Doch genau hier schließt sich der Kreis zu der im ersten Punkt angesprochenen Monetisierung: Welches Argument hat ein Fernsehen noch, für das man ebenso Abo-Gebühren zahlen muss, gegenüber Netflix und Co?

Bloß könnte man der Meinung sein, dass das dem Fernsehen egal ist. Selbst wenn man etwas von Format in den Händen hält, das wirklich viele Zuschauer anziehen könnte: Als RTL vor einigen Jahren die deutsche Miniserie „Deutschland ´83“ zeigte, floppte sie gnadenlos – obwohl sie zuvor in den USA enormen Erfolg gefeiert hatte. Vielleicht lag es an dem enormen Unterschied, wie der US-Sender Sundance-TV die Serie damals per Trailer ankündigte und wie RTL im Umkehrzug einfach nur semi-humoristische Versatzstücke für eine der Vorschausendungen zusammenschnitt.

Zumal die finanzielle Lage der Sender nicht bedeuten muss, schlechte Sendungen zu produzieren. Im Gegenteil, gerade monetäre Verknappung sollte eigentlich zu unterhaltungstechnischen Höchstleistungen anspornen, weil Plotlücken nicht durch (teure) Effekte kompensiert werden können.

7. Die Skandalisierung

fotolia.com / sylv1rob1Würde man sich partnersuchende Menschen ansehen, die entweder kurze Berühmtheitsmomente hatten oder seit Jahren aus nicht nachvollziehbaren Gründen als „Promi“ definiert werden? Eher nicht. Würde man sich diese Persönlichkeiten anschauen, wenn sie dabei splitternackt auf einer tropischen Insel sind? Schon eher, denn „Sex sells“, erst recht bei „Promi Adam sucht Eva“.

Das Problem daran ist nicht nur dieses (oder all die ähnlichen) Format(e) an sich, sondern die Neigung der Sender, jede noch so kleine Abweichung zum Skandal hochzustilisieren – in der Hoffnung, so Resonanz zu kreieren und mehr Zuschauer anzulocken. „Reality-TV-Sternchen rasiert sich nicht die Intimzone – SKANDAL!“, „Casting-Kandidatin lügt Juroren an – SKANDAL!“. Es sind solche Nicht-Meldungen, die für Zuschauerverdruss sorgen. Denn egal wie nichtig der Anlass ist, er wird von den Sendern getreu der Sensationalisierung zum „größten aller Zeiten“ hochstilisiert.

8. Die Refinanzierung

Wenn heute Sendungen geplant werden, müssen sie sich refinanzieren – also nicht nur über Werbung und etwaige Call-Ins Einnahmen generieren, sondern durch breitere Streuung. Das führt dazu, dass die Programmplanung heute grundsätzlich nur noch auf Refinanzierung schielt: Womit lässt sich über Ausschnitte in Boulevard- und Nachrichtensendungen auf dem gleichen Sender mehr Geld verdienen, durch eine genuine, fiktionale Serie oder durch Castingshows, deren Einspieler man (gemäß Sensationalisierung und Skandalisierung) mehrfach verwenden kann?

Das ist zwar marktwirtschaftliches Denken, aber es sorgt dafür, dass die TV-Landschaft immer ärmer wird. Und je ärmer sie wird, desto mehr Zuschauer wandern ab, desto geringer werden die Werbeeinahmen. Dadurch wird das, was eigentlich Geld bringen sollte, über einige Umwege wiederum zum Problem für die Sender – was sie nicht etwa durch einen Kurswechsel abzuändern versuchen, sondern durch noch mehr Refinanzierungs-TV.


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